Wilde, wilde Westküste – Von Westport bis Wanaka

Wilde, wilde Westküste – Von Westport bis Wanaka

Ein Zyklon rüttelt an der Tür unseres Campinbusses als würde er Einlass begehren. Im Stundentakt wischen wir das Regenwasser aus dem Eingangsbereich. Das Pfeifen des Windes ist bisweilen so laut, dass es mehr Sinn ergibt einfach die Klappe zu halten, als weiter über den Sturm zu diskutieren und der Bus schwankt im Takt der Böen als wären wir auf hoher See. Im Schatten der südlichen Alpen unterbrechen wir zwangsweise unsere Fahrt entlang der Westküste um den Zyklon auszusitzen, der die Südinsel fest im Griff und die Küstenstraße leer gefegt hat. Es ist grau, es ist dunkel und es sieht nach Weltuntergang aus. Doch wenn gerade kein Sturm über die Insel fegt, bietet die Westküste all das wofür Reisende Neuseeland lieben und die rund 560 km von Westport bis Wanaka könnten vielfältiger kaum sein.

Die Westküste der Südinsel

Von den Locals einfach nur “The Coast” genannt, zieht die Westküste Reisende in Ihren Bann die ein Faible für Wildnis, Abgeschiedenheit und beeindruckende Naturwunder haben. Flüsse, Regenwälder, Gletscher, Strände, die Westküste geizt nicht mit Reizen. Nur 31.000 Menschen leben entlang der gesamten westlichen Küstenline der Südinsel, meist in der Nähe der Great Coast Road. Der Abschnitt von  Westport nach Greymouth wurde vom Lonely Planet als ein der Top 10 Küstenstraßen der Welt ausgezeichnet und auch der Rest kann sich sehen lassen.

On the road

Westport

Die Stadt im Buller District ist für die meisten Reisenden das Tor zur Westküste und erst mal noch gar nicht so spektakulär. Der aus dem Nordosten kommende Highway 6 stößt hier auf die Küste und die Straße die von hier in den Norden führt ist eine Sackgasse und endet kurz vor der Landzunge Farewell Spit. Wer frisch von der Fähre bzw. aus dem Abel Tasman Nationalpark kommt und dort kein Glück hatte, der kann hier seine erste Bekanntschaft mit den Pelzrobben Neuseelands machen.

Am Cape Foulwind

An einem Spot mit dem wohlklingenden Namen Cape Foulwind tummeln sich die possierlichen Tierchen und lassen sich wahlweise Sonne oder Wellen auf den Pelz klatschen. So nah wie in Kaikoura kommt man an die Tiere allerdings nicht heran, sondern kann sie lediglich von einem Küstenweg mit Aussichtsplattformen bestaunen. Leider ist auch das Meer mit den dort vorherrschenden Wellen und Strömungen viel zu gefährlich um sich den Robben im Wasser zu nähern. Wir beschränken uns also auf einen Spaziergang auf dem Küstenweg, der erfolglosen Suche nach Pinguinen an den Stränden im Umkreis und dem Bestaunen der Surfer am Buller River Mouth, wo die Mündung des Buller Flusses in die tasmanische See eine ganz nette braune Welle auftürmt.

Buller River

Hokitika

Auf der Fahr nach Hokitika geizt die Westküste bereits nicht mit Reizen, sondern wartet hinter jeder Straßenbiegung mit spektakulären Blicken auf die Küste auf. Ein breiter, verlassener Sandstrand reiht sich an den nächsten. Die hohen, steilen Klippen, welche die Strände von der Straße trennen, lassen erahnen warum sie so einsam sind, obwohl sich doch einige Touristen auf der Küstenstraße tummeln. Wie an einer Notfall Sammelstelle versammeln sich dann alle an den Pancake Rocks, ist ja schließlich eine offizielle Sehenswürdigkeit, weshalb wir uns diesen Stop sparen.

Westcoast Beach

Eine Sehenswürdigkeit die wir uns allerdings nicht sparen können, ist die Hokitika Schlucht. Sind wir bis jetzt ziemlich verschont geblieben von den angriffslustigen neuseeländischen Moskitos, scheinen wir uns nun in ein Epizentrum begeben zu haben. Sobald wir die Bustür öffnen, schwirren sie herein und wollen unser Blut. Aber es hilft alles nichts, wir müssen zu dieser Schlucht. Also verlassen wir unsere blecherne Schutzhütte und kämpfen uns durch Regen und die Blutsauger vom Parkplatz zum ersten Aussichtspunkt, weiter zur Brücke und runter zum Fluss.

Hokitika Schlucht

Ein breiter, undurchsichtiger, türkiser Strom kämpft sich hier seinen Weg durch das saftige grün des Dschungels, eingebettet in schroffe, dunkle Felswände und überspannt mit einer Hängebrücke (die Neuseeländer stehen auf Hängebrücken…). Seine türkise bzw. an manchen Tagen auch graue Färbung erhält der Fluss durch Gletscherwasser, welches auf seinem Weg nach unten allerlei Sediment aufnimmt. Eine Farbkomposition die den Blick gefangen hält und in mir den innigen Wunsch auslöst, in diesen Fluss zu springen. Das soll eigentlich auch möglich sein, auf Grund der vorhergehenden starken Regenfälle und der starken Strömung des Flusses jedoch aktuell leider eher nicht ratsam.

Hokitika Schlucht

Als wäre Hokitika mit dieser wunderschönen Schlucht nicht schon genug beschenkt, trennt ein traumhafter, langer, schwarzer Sandstrand den Ort vom Meer. Auch wenn die Wellen viel zu stark sind um ins Wasser gehen zu können, lohnt es sich doch schon alleine des Strandes und der schönen Dünen wegen hier einen Stop einzuplanen, wenn man dann auch noch den Sonnenuntergang hier genießen kann umso besser.

Hokitika Strand

Bis es komplett dunkel ist warte ich erfolglos auf eventuell von der Jagd zurückkehrende Pinguine, bevor ich mich einer Attraktion zuwende, die eigentlich auf der Nordinsel populärer ist: Glühwührmchen. Auch Hokitika verfügt über eine kleine, eintrittsfreie Glühwürmchenhöhle direkt an der Straße. Sobald es komplett dunkel ist, beginnen in der Glow Worm Dell tausende kleine Insekten zu leuchten. Es ist stockfinster, nur die Geräusche des Waldes sind zu hören und die leuchtenden Glühwürmchen lassen mich irgendwie an Weihnachten denken. Zumindest bis eine chinesiche Reisegruppe und einige pubertäre deutsche Backpacker eintreffen, die mit Taschenlampen (künstliches Licht ist verboten) und lautstarkem Geschnatter (Bitte leise verhalten) auf sich aufmerksam machen und die magische Blase jäh zerplatzen lassen. So ist das halt leider mit dem Tourismus, wenn man selbst von einem schönen Ort erfährt, wissen es meist auch schon alle anderen.

Hokitika Strand

Franz Josef

Überstürzt fliehen wir aus Hokitika. Eigentlich wollen wir noch gemütlich die Stadt erkunden und natürlich das obligatorische Foto vom ikonischen hölzernen Hokitika-Schriftzug (schlauer Marketinggag der Stadt) schießen, doch der herannahende Zyklon macht uns einen Strich durch die Rechnung. Im örtlichen iSite wird empfohlen, sich mit ausreichend Wasser, Lebensmitteln und Bargeld an einem sicheren Örtchen zu verschanzen. Nur bis zum Mittag soll die Küstenstraße noch befahrbar sein, danach wäre mit zu starken Böen zu rechnen und umstürzende Bäume könnten zur Gefahr werden. Da wir ohnehin weiter  nach Franz Josef und damit weiter weg von der Küste und dem Epizentrum im Norder der Südinsel wollen, brechen wir unverzüglich auf.

Auf dem Weg nach Franz Josef

Je näher wir der Mittagszeit kommen, desto stärker werden die Böen, die unseren ja ziemlich hohen Camper fast von der Straße blasen. Mit nur noch 30 km/h schleichen wir in Richtung Franz Josef und diskutieren ob es wirklich eine gute Idee war, die Fahrt noch anzutreten. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir schließlich den am morgen gebuchten Campingplatz. Inzwischen hat auch der Regen eingesetzt und es wird immer ungemütlicher. Stundenlang werden wir in unserem Bus durchgeschüttelt und müssen immer wieder das an der Tür eindringende Wasser nach draußen wischen. Ziemlich plötzlich ist dann kurz vor Sonnenuntergang alles vorbei. Der Horizont glüht rot und die Luft scheint elektrisch geladen. Das Land wirkt ganz still und eingeschüchtert von dem mächtigen Sturm, ähnlich wie die sicherheitverheißende Stille, die man fühlt, nachdem ein Zug an einem vorübergerauscht ist. Die Gefahr ist vorbei, das Leben kann weiter gehen, die Geräusche kehren zurück. Es dauert nicht lange und wir bekommen die Info, dass die Küstenstraße bereits in beide Richtungen gesperrt ist. Erst mal nicht weiter schlimm, schließlich wollen wir nicht weiter ohne den berühmten Franz Josef Gletscher besucht zu haben.

Der Franz Josef Gletscher

Tatsächlich ist der Ort Franz Josef vorübergehend von der Außenwelt abgeschnitten. Ebenfalls informierte uns das iSite, dass auch viele der Wanderwege der Region erst mal gesperrt bleiben, bis die durch den Zyklon verursachten Schäden beseitigt sind. Als erstes haben sich die Ranger am frühen Morgen den populärsten Trail der Region vorgenommen und wieder geöffnet. So können wir bereits am Vormittag unsere Wanderung auf dem “Glacier Valley Walk” in Richtung Gletscher starten.

Auf Grund seiner Popularität und natürlich auch weil fast alle anderen Wege gesperrt sind, ist natürlich einiges los am “Glacier Valley Walk”, was es oft nicht ganz einfach macht, die wunderschönen Ausblicke fotografisch in Szene zu setzen. Wenig anspruchsvoll windet sich der Pfad durch das Tal in Richtung Gletscher, vorbei an mehreren Wasserfällen und entlang einem Flussbett, welches von Schmelzwasser gespeist wird. Wenn man den Weg ohne Guide geht, endet er leider einige hundert Meter vor dem Gletscher, der zwar einen imposanten Anblick bietet, uns aber letztlich weniger beeindruckt hat als das Tal selbst. Mit Guide hat man auch die Möglichkeit seinen Fuß aufs Eis zu setzen und ein Stück des Gletschers zu erklimmen.

Franz Josef Gletscher

Der Franz Josef Gletscher, ähnlich wie der Fox Gletscher reicht von 2995 m bis auf ca. 400 m herunter, was seine Besonderheit ausmacht. Noch vor einigen Jahren durften alle Wanderer bis an den Gletscher vordringen. Doch da dieser sich immer weiter zurückzieht und es vor einigen Jahren wohl einen Unfall gab bei dem zwei Jungs ums Leben gekommen sind, ist das heute leider nicht mehr möglich. Alternativ und falls man sich den Fußweg sparen möchte (der allerdings für sich selbst schon ein Highlight ist), kann man sich vom Ort Franz Josef auch per Helikopter auf den Gletscher fliegen lassen.

Zurück am Parkplatz sprinte ich noch schnell zum Sentinel Rock, der einen schönen Blick auf den Gletscher bieten soll, aber nach der Wanderung im Tal nicht wirklich begeistern kann. Ganz im Gegensatz zum Peter’s Pool, in welchem sich der Gletscher bei passendem Wetter wunderschön spiegelt.

Peter’s Pool

Haast

Der Haast Pass scheint das Tor zu einer anderen Welt zu sein. Der tiefst gelegene Pass der Südalpen (563 m über dem Meer) verbindet Wanaka mit der Westküste. Nach den beeindruckenden Naturwundern der Westküste wirkt die Gegend um Haast fast karg, was sich allerdings schlagartig ändert, sobald die Berge in Sicht kommen. Ein Land, welches nur so vor Vitalität strotzt und das Herz tanzen lässt. Entlang der Pass-Straße weisen Schilder auf die zahlreichen Highlight der Region hin. Allen voran, wie  sollte es in Neusseland auch anders sein, Wasserfälle.

Auf dem Weg nach Wanaka

Der schönste Stop auf dem Weg ins Inland waren für uns die “Blue Pools”. Ein eiskalter, glasklarer Gebirgsfluss ergießt sich in mehrere Becken, deren Blautöne um die Wette strahlen. Zwei Brücken überspannen den Fluss und da das Wasser ausreichend tief schien, lasse ich es mir nicht nehmen, von der niedrigeren der beiden ins eiskalte Nass zu springen.

Blue Pools

Augenblicklich vereist meine Hautoberfläche und die Kälte stoppt die Zeit, jedoch nur bis ich prustend durch die Wasseroberfläche breche und so schnell wie möglich ans Ufer schwimme. Zwei mal bin ich gesprungen, ein mal für Fotos, ein mal für ein Video. Beides wurde leider nicht wirklich was, da der Kleine auch mit auf der Kamera herumdrücken wollte und als ich schließlich gesprungen bin, den Zoom ganz eingefahren hat. Naja, für einen Schnappschuss hat’s gerade noch gereicht…

Blue Pools

Wanaka

Wanaka ist ein Outdoorparadies wie es im Buche steht. Wer hier nicht glücklich wird, soll weiter Netfix gucken. Schon bei der Anfahrt zwischen den Seen Wanaka und Hawea, kann man seinen Blick über Landschaften schweifen lassen , die man nicht schöner hätte malen können. Ob Picknick am Ufer, ein Bad im eiskalten Wasser oder diverse Wassersportarten, der See ist Dreh und Angelpunkt des Ortes.

Auf dem Weg nach Wanaka

Entfernt man sich ein paar Kilometer vom See in Richtung Nordwesten, verstören die vielen am Straßenrand geparkten Autos. Doch die Lösung ist schnell gefunden, hier beginnt der Aufstieg zu Wanaka’s populärster Wanderung, zum Roys Peak. Dem Lieblingsspot der hippen Instagramcommunity. Das der Hype der Social Media Plattform Orte wie diesen auf Dauer zerstören und vor allem weit weniger attraktiv machen, scheint die wenigsten Wanderer zu stören. Frei nach dem Motto “Avoid The Crowd” verzichten wir auf den Roys Peak und fahren eine halbe Stunde weiter um am Rocky Peak völlig alleine und ungestört einen wunderschönen Aufstieg über Wanaka zu beginnen. Nach einer kurzen Runde um den Diamond Lake führen mehrere steile Wege nach oben und je weiter man kommt, desto schmaler und ausgesetzter wird der Pfad. Kurz vorm Gipfel kommt man dann fast nur noch auf allen vieren voran, mit Kind auf dem Rücken nicht immer ganz einfach. Allerdings entschädigen die atemberaubenden Ausblicke die man von hier oben hat locker für die Mühen, noch mehr wenn man sie für sich alleine hat. Wer will da noch Schlange stehen am Roys Peak um das gleiche Bild zu schießen wie alle anderen.

Rocky Peak

Diesem See und der Schönheit dieser Region, kann nur einer das Wasser reichen, der Lake Tekapo. Doch das, ist eine andere Geschichte…

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