Varanasi – Das pure Indien

Varanasi – Das pure Indien

“Namaste Baba” wurde ich begrüßt als mich der Nachtzug erbarmungslos in die gleißende Helligkeit und Hektik des Bahnhofs von Varanasi hinausspuckte. Neugierig beäugten mich die Passanten, doch meist verwandelte sich der skeptische Blick schnell in ein Lächeln. Ja, man schien langhaarige Männer mit Bart in Indiens heiligster Stadt zu mögen. Doch meine Liebe zu diesem Ort war definitiv nicht auf den ersten Blick. Varanasi ist ein Overkill für alle Sinne. Nirgends verschwimmen die Grenzen zwischen Leben und Tod so nahtlos und nirgends wird beides so zelebriert wie hier. Doch um diese Eindrücke zu würdigen muss man sie erst mal ertragen können und Zugang finden zu der Stadt im Norden des Landes und der faszinierenden Kultur und Religion der Hindus. Es ist wahrlich nicht leicht in Varanasi anzukommen und nahezu genau so schwer ist es auch die Stadt wieder zu verlassen, doch die Erfahrungen dazwischen sind all die Mühen wert.

Indiens heiligste Stadt

Die Stadt Varanasi im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh liegt direkt am mächtigen Fluss Ganges und gilt mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern als die heiligste Stadt des Hinduismus. Geweiht dem Gott Shiva pilgerten bereits seit mehr als 2500 Jahren gläubige Hindus in die Stadt um dort im Ganges zu baden, zu sterben und verbrannt zu werden. Obwohl die Mehrheit der Bewohner Hindus sind gibt es auch ein großes muslimisches Viertel in der Stadt und das Zusammenleben der beiden Religionen läuft nicht ohne Reibungspunkte ab. Auch eines der größten buddhistischen Heiligtümer, in welchem Buddha seine erste Predigt gehalten haben soll, liegt nur eine kurze Rikschafahrt entfernt. Varanasi ist unter verschiedenen Namen bekannt. Die Engländer nannten es Benares und altertümlich hieß es Kashi, Stadt des Lichts. Mühelos wird Varanasi diesem Namen gerecht, doch neben dem Licht verfügt die Stadt auch über eine Menge Schatten.

Erster Blick auf den Ganges

Ankommen in Varanasi…

Bereits morgens um 7 waren die Straßen voller Leben und es wurde gehupt “was das Zeug hielt”. Mein Tuk Tuk Fahrer manövrierte uns gekonnt durch den dichten Verkehr, haarscharf vorbei an Marktfrauen die ihre Waren, voller Vertrauen in die Fahrkünste der Männer, direkt am Straßenrand ausgebreitet hatten. Autos, Rikschas, TukTuks, Lkws, Kühe, Menschen und jede Menge Müll. Die Straßen Varanasis sind nichts für sanfte Gemüter. Kurz vor unserer Ankunft am Gassengewirr vor dem Ganges, in dem sich auch meine Unterkunft befinden sollte, erzählte mir mein Fahrer, dass er ein paar Tage zuvor zwei Engländer hierher gefahren hat, die gleich wieder zurück zum Bahnhof wollten, nachdem Sie die Gegend gesehen hatten. Gute Aussichten also ;-)!

Durch den Verkehr…

“Da lang” sprach mein TukTuk-Fahrer, deutete auf eine der schmalen Gassen und verschwand. Ich wagte mich vor, doch stieß bereits nach der ersten Biegung auf zwei Hunde, die im Müll nach Essbarem suchten und mir mit Bellen und Knurren zu verstehen gaben: “Du kommst hier nicht rein”! Also zurück und noch mal Fragen: “Ist das wirklich der richtige Weg zum Munshi Ghat und damit zu meiner Unterkunft”. Die Passanten schickten mich wieder in die selbe Gasse. Die Hunde waren glücklicherweise inzwischen weiter gezogen und so kämpfte ich mich voran durch die engen alten Häuserschluchten, durch den Müll und Unrat, quetschte mich vorbei an Kühen die den Weg blockierten und versuchte mich irgendwie zu orientieren. Vergeblich, nach fünf Minuten hatte ich mich verlaufen. In kleinen Lädchen saßen alte Frauen, es wurde gekocht und der Dampf frischer Speisen mischte sich mit dem Gestank des Mülls und der Tierexkremente. Alle paar Ecken fragte ich nach dem Weg, ging einige Gassen nach vorne und wieder zurück, bis ich schließlich ankam am Shiva Guesthouse. Klein, fein (Ansichtssache ;-)) und typisch indisch, doch auf Grund der Lage am Munshi Ghat, zentral in der Mitte der anderen Ghats, perfekt um das Treiben am Ganges zu erleben.

Eine von gefühlt tausend Gassen vor den Ghats

Die Ghats

Die Ghats, kilometerlange, stufenartige Befestigungen die sich am Ufer des Ganges entlang ziehen, sind das Zentrum der hinduistischen Zeremonien in Varanasi. Bei Tag und Nacht tobt hier das Leben und der Tod. Doch wer an schicke Uferrestaurants und ausschweifende Partys denkt wird leider enttäuscht, im Mittelpunkt steht ganz klar die Religion. Ich habe mit vielen Reisenden gesprochen, die während ihres Aufenthalts nichts anderes von der Stadt gesehen haben als die Ghats. Das bunte Treiben zieht einen einfach in seinen Bann.

“Mein” Ghat

Von meinem Ausgangspunkt am Munshi Ghat war ich nach ein paar Metern am Haupt- dem Dashashwamedh Ghat. Allabendlich findet dort eine Zeremonie zur Reinigung des Ganges statt, zu welcher sich zahlreiche Pilger einfinden. Doch auch tagsüber kann man stundenlang einfach nur auf den Stufen sitzen, würzigen Chai trinken und beobachten was um einen herum passiert. Schon kurz nach Sonnenaufgang baden die ersten Pilger im Ganges um sich von ihren Sünden frei zu waschen. Heilige Männer (Sikhs, Sadus und Babas), bunt bemalt oder am ganzen Körper mit Asche eingerieben und gekleidet in leuchtendes Orange sitzen auf den Stufen. Die besitzlosen Männer, meist mit langen Haaren und Bart ;-), stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, sprechen Segen aus, bekommen Spenden, und rauchen Charras oder Opium mit einigen Pilgern. Daneben wird rasiert, Schuhe geputzt und allerlei Händler bieten ihre Waren an. Auf den Stufen liegt Wäsche zum Trocknen, Müll und die allgegenwärtigen Kühe. Alles ist bunt und voller Leben und es dauert einige Tage bis der Blick geschärft genug ist um die Schönheit hinter all dem zu erkennen, die häufig im Detail liegt.

Junge Geistliche an den Ghats

Schon morgens scheint der Blick auf den Ganges von mystischem Nebel verschleiert, was letztlich doch nur Smog ist, und das gegenüberliegende Sandufer ist schwierig zu erkennen. Es liegen so viele Gerüche in der Luft, dass es schwierig ist zu differenzieren, doch am prägnantesten ist wohl je nach Ghat ein Mischung aus Räucherstäbchen, Urin und dem Geruch der Leichenfeuer.

Entlang der Ghats

Leichenfeuer

Einige Ghats weiter Richtung Norden liegt eines der beiden Verbrennungs-Ghats. Wer genug Geld hat um seine Toten hier bestatten zu lassen, ermöglicht diesen damit aus dem Kreislauf der Wiedergeburt auszubrechen. Die ganze Szenerie ist für uns Europäer sehr gewöhnungsbedürftig und nichts für Zartbesaitete. Die Leichen werden in goldene oder weiße Tücher gewickelt (je nachdem ob Mann oder Frau) erst im Ganges gebadet und dann zum Trocknen auf den Stufen liegen gelassen. Währenddessen wird unter lautem Feilschen ein Berg Holz gekauft und aufgeschichtet. Über diesen werden Sandelholzsplitter geworfen um den Geruch des verbrennenden Fleisches zu übertünchen. Der nähste männliche Angehörige badet im Ganges und lässt sich als Zeichen seiner Trauer den Kopf rasieren, bevor ein Zeremonienmeister mit Glut von einem bereits 3000 Jahre brennenden Feuer den Scheiterhaufen anzündet. Es darf nicht geweint werden und es ist nur Männern erlaubt bei der Zeremonie anwesend zu sein. Ist der Tote verbrannt, werden Asche und die nicht komplett verbrannten Körperteile dem Ganges zugeführt. Es ist nicht erlaubt Fotos zu machen, doch als Besucher ist man dennoch mittendrin und kommt sich irgendwie fehl am Platze vor, auch wenn die Einheimischen vor Ort mir das Gegenteil versicherten. 24 Stunden am Tag brennen viele Leichenfeuer gleichzeitig, je nach Tageszeit verfolgen Unmengen Menschen das Schauspiel. Zwischen den Feuern laufen Kühe umher und Muhen als ob sie den Toten die letzte Ehre erweisen wollen und nur einige Meter weiter spielen Kinder Cricket und müssen darauf achten, dass ihr Ball nicht in eines der Feuer gerät. Ein surrealer Anblick, der einige Zeit braucht um sich zu setzen und ein Umgang mit Leben und Tod der im krassen Gegensatz steht zu den tränenreichen Beerdigungszeremonien des christlichen Abendlandes.

Familienausflug zum Verbrennungs-Ghat

Der Ganges

Auch in die entgegengesetzte Richtung lohnt es sich zu schlendern, zu gucken, zu erfahren. Oft sitzen Musiker auf den Stufen und klimpern oder trommeln einfach vor sich hin. Lässt man seinen Blick auf den Fluss hinaus schweifen, stellt man fest, dass sogar noch gefischt wird in der Brühe des Ganges, einem der unreinsten Flüsse der Welt. Auf seinen 2600 km Länge muss der Fluss unzählige Fäkal- und Industrieabwässer aufnehmen und enthält so neben einer Vielzahl von Giften eine rund 2000-mal höhere Konzentration von Kolibakterien als in Indien erlaubt, von den ganzen Leichenresten mal abgesehen. Diese Verschmutzung hält allerdings auch an den südlichen Ghats die Pilger nicht vom Baden und die Bewohner nicht vom Geschirrspülen in dem braunen Strom ab.

Reinigen von allen Sünden, hat sonst aber nicht viel mit Reinigen zu tun…

Alle paar Meter bekommt man ein Boot angeboten, “very cheap” versteht sich, um auf die andere Seite des Flusses oder einfach an den Ghats entlangzufahren und auch wenn die meisten “Bootsverkäufer” recht aufdringlich sind, sollte man sich diese Fahrt nicht entgehen lassen. Die gegenüberliegende Seite des Ganges ist unbebaut und der weiße Sand vom vielen Unrat verschandelt. Doch die Kinder auf ihren Pferden am Ufer entlang reiten zu sehen oder die vielen Drachen zu beobachten, die am Himmel schweben, in der Hand dampfendes “Streetfood”, serviert auf einem Blatt, lässt einen wirklich eintauchen in die indische Kultur und die Faszination die dieses Land ausübt. Auch der Sonnenuntergang hinter Varanasi, der den Ganges und die Ghats in goldenes Licht taucht, lässt sich perfekt vom Boot aus beobachten und trägt zum Zauber der heiligen Stadt bei.

Sonnenuntergang am Ganges

Die Stadt, die Märkte, die Menschen

Wer sich letztendlich losreißen kann von den Ghats und tiefer in die Straßen und engen Gassen der Stadt vordringt wird gleichermaßen bombadiert von den vielfältigsten Sinneseindrücken sowie allerlei aufdringlichen Verkäufern, Rikschafahrern, Bettlern und auch immer mal wieder Leuten die einfach gerne ein Foto mit einem “Weißen” machen wollen. Wer offen und freundlich ist kommt schnell mit den Leuten in’s Gespräch und die Geschichten hinter den Bildern sind oft stärker als die Bilder selbst. Vom Markt direkt hinter dem Haupt-Ghat bis in’s muslimische Viertel, dem Zentrum der Seiden- und Pashmina-Produktion für die Varanasi weltweit bekannt ist, ist es mit TukTuk oder Rikscha nicht weit. Faszinierend wie sich die Strikt nach Religion getrennten Stadtteile trotz ihrer räumlichen Nähe doch voneinander unterscheiden. Schon durch die Kleidung differenzieren sich die muslimischen und hinduistischen Bewohner Varanasis voneinander und auch das Straßenbild im muslimischen Viertel wirkt etwas weniger chaotisch als im Rest der Stadt. Doch auch dort gibt es fleißige Verkäufer, die mich in ihre Geschäfte zerrten um mir einen kunstvoll verzierten Schal oder Lungi zum 5-fachen Preis zu verkaufen. Letztlich erfolglos, doch interessant war es trotzdem. Zumal ich auch die Möglichkeit hatte in einer kleinen Fabrik den Kindern (!) bei der Herstellung der Seide zuzusehen.

Heiliges Puder

Ich habe es genossen, durch die Marktgassen zu Schlendern, zu Plaudern, zu Probieren und die Szenerien auf mich wirken zu lassen. Wie in vielen asiatischen Ländern sind die ganzen kleinen Lädchen und unendlich vielen Reklametafeln schwierig zu fassen und wer auf den viel befahrenen Straßen Varanasis nicht aufpasst wird schnell mal über den Haufen gefahren. Auch das Feilschen mit Verkäufern und Fahrern gehört einfach mit dazu und man kann durchaus Spaß dabei haben, wenn man dann am Ende auch einen ordentlichen Preis bekommt. Allerdings ist oft Vorsicht geboten und es ist leider gängige Praxis Touristen über’s Ohr zu hauen. Da es sich dabei allerdings meist um nicht allzu große Beträge handelt kann man das ab und zu schon mal verkraften. Es lohnt sich also ebenfalls mal einen Blick hinter die Ghats und in das alltägliche Leben der Bewohner Varanasis zu werfen, auch wenn es manchmal etwas anstrengend werden kann.

Auf den Straßen Varanasis

Abschied von Varanasi…

“An fünf Tagen die Woche liebt man Indien und an zweien hasst man es!” sagte mal jemand zu mir. Als ich früh morgens zum Flughafen musste um einen Flug nach Delhi zu erwischen hasste ich es. Da wollte mir mein TukTuk Fahrer unterwegs doch tatsächlich erzählen dass Varanasi zwei Flughäfen hat, der vereinbarte Preis aber nur für den näheren gelte und ich mehr bezahlen müsse, wenn ich zum richtigen Flughafen wolle. Ich war fast etwas verunsichert, aber nur fast. Letztlich habe ich nicht mehr bezahlt, denn es gibt nur einen Flughafen in Varanasi.

Doch dies war nicht die einzige Schwierigkeit beim Verlassen der heiligen Stadt. Der Ort, die Menschen, die Spiritualität und die chaotische Vielfältigkeit hatten mich in ihren Bann gezogen. Man muss sich die Zeit nehmen, hinter die Schatten zu sehen, um in der Stadt des Lichts anzukommen und um trotz all der Armut und des Unrats die Schönheit zu sehen. Ich wäre gerne noch länger geblieben, auf den Stufen der Ghats sitzend, einen heißen Chai in den Händen, den Blick auf den Ganges gerichtet um mich faszinieren zu lassen, vom puren Indien, in Varanasi.

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