Tongariro – Wandern mit Blick auf Mordor

Tongariro – Wandern mit Blick auf Mordor

Kleine Tropfen Morgentau glitzern im ersten Licht des Tages und warten darauf von der aufsteigenden Sonne aufgesogen zu werden. Langsam schiebt sie sich hinter den Vulkanen des Tongariro Nationalpark hervor und taucht diese in gleißendes Licht. Ein schmaler Pfad führt uns weg von Gräsermeer der Hochebene und hinein in dichten Wald der uns den Blick in die Ferne raubt. Die Luft ist so kühl, rein und erfrischend, dass sie bei einem Vergleich mit dem feinstaubgeschwängerten deutschen Großstädten weit übers Ziel hinaus schießen würde. Schnell kommen wir voran und das Laufen fällt leicht, denn wie überall in Neuseeland sind die Wege gut präpariert, selbst oder gerade hier im Tongariro Nationalpark, auf dem Weg zum Schicksalsberg, auf dem Weg nach Mordor…

Der Tongariro Nationalpark

Zentral gelegen inmitten der Nordinsel liegt der Tongariro Nationalpark, der älteste Nationalpark Neuseelands, der viertälteste weltweit und gehört sowohl zum Unesco Weltkultur- als auch Weltnaturerbe. Kein Wunder, wenn man die Vielseitigkeit und Schönheit der Landschaften betrachtet . Zum Weltkulturerbe wurde er ernannt, da sich einige Kultstätten der Maori innerhalb des Parks und hier vor allem bei oder auf den drei ihn beherrschenden Vulkane Tongariro (1968 m), Ngaurohoe (2291 m) und Ruhapehu (2797 m) befinden.

Tongariro Nationalpark

Verschiedene Szenen der Herr der Ringe Trilogie wurden im Tongariro Nationalpark gedreht und haben der Natur dort ziemlich zugesetzt, so dass Teile des Parks nach den Dreharbeiten erst mal saniert werden mussten.  Der Mount Ngauruhoe erhielt dabei besondere Berühmtheit, denn er ist als Schicksalsberg im Film zu sehen. Der Tongariro Nationalpark ist leicht über gut ausgebaute Straßen erreichbar und neben dem Bezug zum Herrn der Ringe ist es vor allem das Tongariro Alpine Crossing, welches Heerscharen an Reisenden aus aller Welt anzieht. Dabei ist es nicht unbedingt eine Sehenswürdigkeit im klassischen Sinne…

Das Tongariro Alpine Crossing

Das Tongariro Alpine Crossing gilt als schönste Tageswanderung Neuseelands und landet in Rankings regelmäßig unter den Top 10 weltweit. Der 19,4 km lange One-Way-Trek führt durch eine vulkanische, alpine Landschaft mit starken Kontrasten und wunderschönen Ausblicken. Diese Hochebene kann allerdings genau so lebensfeindlich wie schön sein, denn das Wetter kann jederzeit umschlagen und die Temperaturen können rapide fallen. Nichtsdestotrotz sind die türkisen Kraterseen sicherlich eines der meist fotografierten Motive Neuseelands und da kommen wir auch schon zum Knackpunkt. Denn auf Grund seiner Popularität und Schönheit möchte natürlich (fast) jeder die Wanderung machen, ungeachtet der eigenen Erfahrung und Ausrüstung. So quälen sich zu den Stoßzeiten Unmengen Touristen im Entenmarsch die Berge hoch, da auf den schmalen Pfaden ein Überholen kaum möglich ist. Uns wurde berichtet von Wanderern in Flip Flops, ohne Jacke und Leuten die mit nur 0,5 l Wasser eine anstrengende Wanderung von 7 bis 8 Stunden angetreten haben.

Das wollten wir natürlich anders machen, allerdings hatten auch wir einen Risikofaktor in unserer Reisegemeinschaft mit welchem exakte Planung umso wichtiger ist: Ein Baby. Sicherlich nicht ganz unumstritten, allerdings informierten wir uns im Vorfeld ausgiebig und kamen letztendlich zu dem Entschluss, dass das Crossing für uns bei gutem Wetter machbar wäre.

Neuseeland mit Baby

Obwohl es bei unserer Ankunft im Ort Whakapapa in Strömen regnete, war für den nächsten Tag bestes Bergsteigerwetter voraus gesagt und so mussten wir nur noch ein Shuttle organisieren, welches uns vom Campingplatz zum Startpunkt der Wanderung und danach von der anderen Seite der Berge wieder zurück bringt. Ein Kinderspiel dachte ich, denn es gibt zahlreiche Anbieter. Weit gefehlt. Das Problem war, dass man in Neuseeland fast noch mehr auf Sicherheit bedacht ist, als in Deutschland und tatsächlich kein einziges Shuttleunternehmen sich bereit erklärte uns mit Baby an den Berg zu fahren. So schnell war der Plan nun also wieder geplatzt, denn ohne Shuttle ist die One-Way-Wanderung schlicht nicht machbar. Da wir allerdings schon im Vorfeld auf Grund der schwierigen Witterungsverhältnisse damit gerechnet haben, dass das Ganze am Ende sowieso nichts wird, lag eine Alternative schon bereit und die muss sich definitiv nicht hinter dem populären Crossing verstecken.

Tongariro Nationalpark

Wandern mit Blick auf Mordor

Wir wollen früh los, doch wie das meistens so ist mit Kind (und Frau) verzögert sich unser Aufbruch um mindestens eine Stunde. Eine Windelkatastrophe muss beseitigt werden und zu allem Übel wurde unsere Wäsche am Vorabend nicht trocken und muss vor dem Aufbruch noch mal in den Trockner, da wir natürlich in unserem Camper keinen Platz zum Aufhängen haben. Bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel brechen wir schließlich auf.

Auf in den Tongariro Nationalpark

Es gibt einige Wanderungen, die direkt in Whakapapa beginnen und wir erreichen nach kurzem Marsch durch eine Wohnsiedlung den Pfad der uns zu den Taranaki Falls und weiter zu den beiden Tama Seen führen sollte. Noch heute bilde ich mir ein den Kies unter meinen Schuhen knirschen zu hören und die Reinheit der Luft in meinen Lungen zu schmecken als wir leichten Fußes unseren Trek beginnen. Mit Blick auf weite grasbedeckte Ebenen und dichte Wälder folgen wir dem Weg der uns schließlich in den für Neuseeland typischen Dschungel führt. Rauf und runter, aber zu jeder Zeit gut präpariert, windet sich der Pfad durch dichtes Unterholz und schließlich an einem Fluss entlang, an dessen Ende wir die Taranaki Falls erreichen. Die raue Natur und das Rauschen des Wasserfalls malen ein Bild von Reinheit und Wildnis, die das Herz höher schlagen lassen. Jeder Pinselstrich, jede Facette dieser Landschaft fügt sich zu einem Gesamtbild von berauschender Intensität. Tatsächlich können wir unsere Lobeshymnen auf diese beeindruckende Umgebung kaum für uns behalten und sind uns schon an diesem Punkt der Wanderung einig, dass es die richtige Entscheidung war auf das Tongariro Crossing zu verzichten. Mehr noch wenn man die Tatsache bedenkt, dass wir den ganzen Tag über nicht mehr als einer Handvoll anderen Menschen begegnen, während die Leute auf dem Crossing sich im Gänsemarsch die Berge hoch schlängeln.

An den Taranaki Falls

Nach ausgiebiger Rast erklimmen wir die Ebene oberhalb des Wasserfalls um weiter in Richtung Tama Seen zu marschieren. Konnten wir  bereits zuvor kurze Blicke auf ihn werfen, liegt er nun in all seiner Pracht vor uns, der Ngaurohoe, besser bekannt als Schicksalsberg oder Mount Doom. Auf diesen dunklen lebensfeindlichen Vulkan mussten Frodo und Sam hoch um den einen Ring zu vernichten. Auch wenn das alles nur Fiktion ist, fühlt es sich, wie auch einige Wochen zuvor in Hobbiton, irgendwie besonders an am Schauplatz der Filme zu stehen und auf diesen schicksalsträchtigen Berg zu starren.

Der Schicksalsberg

Langsam setzen wir unseren Weg fort durch das Gräsermeer und werfen immer wieder einen Blick über die Schulter auf den Berg  der uns zu beobachten scheint und die Wolken die langsam hinter ihm aufziehen und den Himmel verdunkeln. Kein Baum, kein Strauch schützt uns hier oben vor dem Wind, der immer mehr an Kraft gewinnt. Bis zum unteren der beiden Tama Seen wäre es nicht mehr weit, aber für den Rückweg müssen wir auch mit zwei bis drei Stunden Gehzeit rechnen. Normalerweise alles kein Problem, da ich allerdings ein sechs Monate altes Baby mit mir rumtrage wollen wir das Risiko hier oben komplett durchnässt zu werden einfach nicht eingehen und beschließen kurzer Hand umzukehren.

Zurück nach Whakapapa

Natürlich ist es oft enttäuschend, wenn man das eigentliche Ziel einer Wanderung nicht erreicht hat, aber letztlich müssen wir natürlich im Sinne des Kindes entscheiden und möchten nicht, dass er krank wird. Auf dem Rückweg entschädigt uns die karge aber doch so intensive Landschaft für den außerplanmäßigen Abbruch und der Schicksalsberg wird aus allen Perspektiven abgelichtet, bis er schließlich hinter den Bäumen verschwindet und der Wald uns wenig später wieder in Whakapapa ausspuckt.

Goodbye Schicksalsberg

Eine wunderschöne Wanderung und definitiv einer der schönsten Treks die wir in Neuseeland machen durften. Sollen sich doch ruhig tausende Touristen täglich auf den gehypten Touren auf die Füße treten, wenn man dafür im Gegenzug Wege und Landschaften wie diese für sich alleine hat. Es klingt ja oftmals wie ein Klischee, dass die wahren Schätze abseits der berühmten Sehenswürdigkeiten zu finden sind, in diesem Fall allerdings, trifft das voll zu.

Lauft Ihr nur weiter das Tongariro Crossing und macht alle das gleiche Foto, das schon tausendfach bei Instagram gepostet wurde! Wenn ich wieder im Tongariro Nationalpark bin, dann auf dem Weg zu den Taranaki Falls, auf dem Weg zu den Tama Seen, auf dem Weg nach Mordor…

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