La Paz – Zebras, Hexen und Cholitas

La Paz – Zebras, Hexen und Cholitas

Mehrere Male wurde ich vor La Paz und seinen Bewohnern gewarnt. Eine schreckliche Großstadt die einen mit Haut und Haaren bzw. mit Kreditkarte und allen sonstigen Wertsachen verschlingt sollte es sein. In San Pedro de Atacama warnte mich sogar ein Brasilianer aus dem Großstadtmoloch Sao Paolo vor La Paz und meinte er habe sich noch nie so unsicher gefühlt wie in Boliviens größter Stadt. Als ich schließlich nach einer eiskalten Nachtbusfahrt um 5 Uhr morgens am Busbahnhof ausgespuckt wurde war ich doch etwas verunsichert. Per Taxi ging’s zum Hostel und nach penetrantem Dauerklingeln machte mir tatsächlich jemand die Tür auf so dass ich mich in’s Innere retten konnte. Ich erwartete Ärger für mein frühes Erscheinen. Doch genau wie der Taxifahrer war auch der Mitarbeiter des Hostels sehr nett, gab mir trotz der frühen Stunde schon eine Menge Tipps und bot mir sogar gleich ein Frühstück an. Dieser erste Eindruck passte so gar nicht zu dem Bild, dass mir im Vorfeld von La Paz gezeichnet wurde und es sollte sich herausstellen, dass mein Eindruck von La Paz ein völlig anderer sein würde…

La Paz – Boliviens Megacity

Gelegen im Norden von Bolivien auf einer Höhe von 3200 bis 4100 Metern ist La Paz der höchst gelegene Regierungssitz der Welt (Hauptstadt ist allerdings Sucre) und mit rund 2 Millionen Einwohnern auch die größte Stadt Boliviens. Im Gegensatz zu anderen Großstädten in Südamerika wie etwa Santiago de Chile oder Lima hat sich La Paz einen ganz eigenen Charme bewahrt und strahlt viel mehr Authentizität aus als die doch sehr europäisch geprägten oben genannten.

Blick von El Alto in’s Tal

Diese Authentizität ist es sicherlich auch, die viele Touristen abschreckt. In La Paz gibt es keine Metro und auch das Bussystem ist für Europäer schwer durchschaubar. Die Straßen sind ständig verstopft und es herrscht meist ziemliches Chaos. An den Ampeln hüpfen als Zebras verkleidete Lotsen herum, um die Einwohner zu motivieren die Straße nur bei grün zu überqueren, da sich sonst eigentlich niemand an die Ampeln hält. Überall bieten kleine Lädchen, geführt von Cholitas, Lebensmittel und allen möglichen anderen Kram an und verteidigen ihre Standorte gegen Bettler und Fliegende Händler. Irgendwie erinnert La Paz mich etwas an Indien, obwohl es lange nicht so chaotisch wie dort zugeht. Doch, wie auch in Indien gibt es in La Paz viel zu entdecken.

Die Ampelzebras von La Paz

Ab in’s Getümmel

Zu Fuss, per Taxi oder mit einem der vielen Collectivos lässt sich die Stadt super erkunden. Die Collectivos sind der günstigste Weg um schnell von A nach B zu kommen und wenn man erst mal das System geblickt hat, macht’s auch noch Spass. Die Ziele stehen immer auf Schildern hinter der Windschutzscheibe (werden vom Fahrer allerdings auch mal während der Fahrt geändert) und jede Strecke kostet gleich viel. Einfach heranwinken zum Einsteigen und irgendwo Aussteigen. Allerdings, wie so oft in Südamerika, sind Spanischkenntnisse unabdingbar, denn auf Touristen ist man hier absolut nicht eingestellt und so spricht auch kaum jemand Englisch.

Die Straßen von La Paz

Eine super Option um einen Einblick in die Stadt und auch die Kultur und Bevölkerung Boliviens zu bekommen ist eine “Free Walking Tour”, z.B. von Red Cap. Es werden zwar keine außergewöhnlichen Spots angelaufen, aber man erfährt viel über das Leben der Menschen in La Paz, die Geschichte und auch die aktuelle politische Situation unter dem Langzeitpräsidenten Evo Morales (seit Anfang 2006 im Amt). Sehr offen und auskunftsfreudig wurde uns Rede und Antwort gestanden und freimütig dass bolivianische System, die Korruption und nicht zuletzt Präsident Evo Morales kritisiert. Interessant und Unterhaltsam.

Eine Idee vom Präsidenten die sich nicht durchgesetzt hat: Die Uhren andersherum laufen lassen…

Die Cholitas

Doch nicht nur Kritik gibt es für Evo Morales. Er hat auch vieles in Bolivien zum Guten gewendet. So stoppte er endlich die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, die bis zu diesem Zeitpunkt immer zurückstehen musste hinter dem Anteil der spanischen Bürger. Vor vielen Jahren undenkbar sind nun selbst in politischen Ämtern Cholitas zu finden. Die Frauen indigener Abstammung, oft aus den ländlichen Gegenden, sind zu erkennen an ihren Zöpfen und ihrer Tracht, die in der Regel aus mehreren übereinander getragenen Röcken und dem charakteristischen Hut besteht, der allerdings nicht ganz zu passen scheint. Zurückzuführen ist diese Mode auf geschäftstüchtige Europäer die zu kleine Hüte als “letzten Schrei” aus Europa verkauften und vor den Zeiten von Telefon und Internet natürlich auch nicht damit aufflogen. So gehört die zu hoch sitzende Melone noch heute zum absoluten Markenzeichen der Cholitas und je nachdem wie oder auf welcher Seite sie getragen wird, hat der Hut verschiedene Bedeutungen. Stolz tragen die Frauen diese Tracht auch im Alltag und prägen so unweigerlich das Stadtbild von La Paz.

Cholitas

Der Hexenmarkt von La Paz

Neben den Cholitas sind Fotos vom Hexenmarkt sicherlich eines der häufigsten Motive, welches Touristen aus La Paz mitbringen. Der relativ kleine Markt nahe der Kirche San Francisco wurde zu einem der Haupt-Touristenspots von La Paz und so werden an vielen Ständen bereits Souvenirs statt magische Gegenstände und Mittelchen verkauft. Doch auch die traditionellen Hexenbuden gibt es noch und das Angebot reicht vom Liebespulver bis zum Lamafötus. Generell ist man in Bolivien christlich doch man ist auch der Meinung dass ein bischen Hokuspokus nicht Schaden kann und so gibt es Allerlei Zeremonien, Opfergaben und Wunderheiler, die damit ihr Geld verdienen.

Hexenmarkt La Paz

Neben dem christlichen Gott und Heiligen wird vor allem Pachamama (Mutter Erde) verehrt und bekommt von allem einen Teil. Niemand baut beispielsweise in Bolivien ein Haus ohne vorher Pachamama zu besänftigen indem ein Opfer (vorzugsweise Lamafötus) unter den Grundmauern begraben wird. Bei den Hochhäusern in La Paz hat ein Tieropfer für Pachamama laut Legende nicht gereicht und so wurden hier Obdachlose unter den Grundmauern lebendig begraben. Der Aberglaube ist fest im Alltag verwurzelt und es ist interessant anzusehen, was alles angeboten wird um Pachamama zu besänftigen und was getan wird um mehr Glück oder Erfolg im Leben zu erreichen.

Hexenmarkt La Paz

Die Gefängnisstadt San Pedro

Eine eigene kleine Stadt in der Stadt, das ist das Gefängnis San Pedro. Durch das Buch Marching Powder wurde ich auf dieses außergewöhnliche Gefängnis aufmerksam und auch wenn es inzwischen zu gefährlich ist an einer der illegalen Führungen innerhalb der Mauern teilzunehmen, so wollte ich doch einmal vor dem Eingang sitzen und sehen wer so alles ein und aus geht.

In San Pedro muss der verurteilte Straftäter komplett für sich selbst sorgen. Zellen müssen gemietet oder gekauft werden. Es gibt bessere Viertel mit richtig schönen Unterkünften inkl. Whirlpool und Terrasse in denen es sich die betuchten Drogenbosse gut gehen lassen und es gibt schlechtere Gegenden mit einfachen Behausungen. Innerhalb der Gefängnismauern gibt es kleine Läden und Restaurants und es leben dort nicht nur die Gefangenen, sondern auch deren Familien. Jeden Morgen gehen die Kinder nach draußen zur Schule und am Nachmittag kann man beobachten wie sie wieder den Eingang des Gefängnisses passieren.

Eingang San Pedro Gefängnis

Natürlich gibt es wie in allen Gefängnissen auch allerlei Drogen, doch anders als üblich wird zum Beispiel Kokain nicht von draußen nach drinnen geschleust, sondern andersherum. Denn das beste Kokain Bolviens soll in den Küchen von San Pedro entstehen und so ist es üblich dass hin und wieder eine Wellblechplatte des Dachs zur Seite geschoben wird um ein weißes Paket nach draußen zu werfen, dass dort unauffällig aufgesammelt wird. Alle wissen Bescheid und wer was zu sagen hat verdient mit. Zu gern hätte ich mir diesen faszinierenden Mikrokosmos mal von innen angesehen, doch das Risiko war leider zu hoch.

Die Mauern von San Pedro

Alle Wege führen nach La Paz

Auf Grund ihrer Größe und zentralen Rolle in Bolivien ist La Paz der ideale und einfachste Ausgangspunkt um das Land zu bereisen. So führte mich mein Weg während meiner Zeit in Bolivien insgesamt drei Mal nach La Paz. Ich kam von Uyuni und nachdem ich die Stadt erkundet hatte ging’s für mich zum Huyana Potosi. Nach – 20 Grad auf dem Berg wollte ich schleunigst in’s Warme und flog von hier aus in Richtung Amazonas und zurück, bevor ich der Stadt schließlich in einem Bus nach Cobacapana den Rücken kehrte.

Spanisches Viertel La Paz

Ihrem schlechten Ruf wurde die Stadt für mich absolut nicht gerecht, vielleicht bin ich allerdings auch schon etwas abgehärtet durch Indien ;-). Dennoch, ich nahm La Paz wahr als eine zwar laute und chaotische, doch ebenso bunte und spannende Stadt, geprägt von der Vielfalt und Freundlichkeit ihrer Bewohner. Eine Stadt in der es viel zu entdecken gibt und die begeistern kann, wenn man ihr eine Chance gibt. Ich mag La Paz!

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