Kaikoura und die Robbenbande

Kaikoura und die Robbenbande

Vor mir liegt ganz friedlich und unaufgeregt die Küste von Kaikoura, doch unter mir eine gänzlich andere Welt. Im Rythmus der Brandung bewegt sich der Kelpwald langsam vor und zurück und lässt das Grün des Wassers noch undurchdringlicher und geradezu verwunschen wirken. Wieder und wieder wirft der Kelp seine Tentakel aus, die an meinem Neoprenanzug entlanggleiten. Fast meditativ im immer gleichen Takt der Gezeiten.  Doch dieser ewige Rythmus wird jäh unterbrochen von schwarzen Schatten, die wie Torpedos durch den Kelp hindurch schießen, einen langen Schweif Luftblasen hinter sich her ziehend. Neugierig, auf Entdeckungstour, doch nicht aggressiv. Große, schwarze Kulleraugen, die mich anstarren und ein schlanker Körper der sich immer wieder um die eigene Achse dreht. Es ist ein wahres Fest für die Sinne im Wasser mit Pelzrobben zu interagieren und bisweilen so anstrengend, dass man selbst die Kälte fast vergisst.

Kaikoura

Auf den ersten Blick ist Kaikoura eine stinknormale neuseeländische Küstenstadt, schön gelegen zwar, aber prinzipiell ist in Neuseeland fast alles schön gelegen. Der Grund warum der Ort trotzdem auf kaum einer Rundreise über die Südinsel fehlt, liegt weniger am Ort selbst, als vielmehr davor. In der Sprache der Maori heißt “kai” Essen und “koura” Krebs, was schon darauf schließen lässt, dass das Meer hier besonders reich an Nahrung ist. Dieser Faktor und die Tatsache, dass der Meeresboden in der Nähe der Küste um bis zu 1 km abfällt in den Kaikoura Canyon, macht den Ort zum Anziehungspunkt allerlei Meeresbewohner.

Die Küste von Kaikoura

Bereits bei einer Wanderung auf dem schönen Kaikoura Peninsula Walkway begegnet man den ersten Meeresbewohnern, die faul auf den Felsen herumlungern. Mehrere Kolonien Pelzrobben bevölkern die Küste und verteidigen mutig ihr Revier gegen allzu dreiste Fotografen oder mit Selfiesticks bewaffnete chinesische Reisegruppen.

Innerhalb der zerklüfteten Felsen bilden sich kleine Basins, die als Schwimmlernpools für die Kleinsten fungieren, während die Eltern davor in der Sonne dösen. Wird es ihnen zu warm, drehen sie ein paar Runden im hier immer recht kühlen Ozean um sich abzukühlen. Prinzipiell ähnlich wie Sonntag Nachmittag bei uns im Freibad, nur ohne Pommes und Bier. Gejagt wird nämlich nachts.

Baby Robbe

Wagt man sich von der Küste weg, hat man die Chance auf verschiedene Delfin- und Walarten zu treffen. Angefangen vom kleinsten und seltensten Delfin der Welt, dem Hector Delfin, bis zum gigantischen Pottwal zieht Kaikoura zahlreiche Walarten an. Ein Fotograf berichtete uns sogar von einigen Orcas, die er unweit der Küste fotografiert hat und die wir gerade verpasst hatten. Bis in die 1980er interessierte sich niemand für diesen außergewöhnlichen Reichtum an Wildlife. Doch seitdem hat sich Kaikoura zu einem Aushängeschlid des Ökotourismus gemausert und zahlreiche Whalewatching Boote bieten die Möglichkeit tatsächlich mal die Schwanzflosse oder den Rücken eines Wals zu sehen. Keine schlechte Sache, so lange alles reglementiert abläuft und zum Schutz der Tiere beiträgt. Da ich allerdings lieber auf Tuchfühlung mit Tieren gehe, als sie mir vom Boot aus anzusehen, lag mein Hauptaugenmerk in Kaikoura ganz klar auf den Pelzrobben.

Pelzrobbe

Alles Robbe oder was?

Seelöwen, Seebären, Seehunde, Seeelefanten, Kegelrobben, alle sehen ähnlich aus, fallen unter den Überbegriff Robben und sind prinzipiell in allen Weltmeeren heimisch. Man unterscheidet jedoch zwischen Hundsrobben und Ohrenrobben. Das Unterscheidungsmerkmal ist recht einfach. Hat die Robbe keine äußerlich sichtbaren Ohren: Hundsrobbe (Seehund, Seeelefant, Kegelrobbe). Mit äußerlich sichtbaren Ohren: Ohrenrobbe (Seelöwen, Seebären).

Hat die Robbe Ohren?

Die Robbenart, zu welcher man ins Wasser steigt und die auch gerne mit dem Menschen agiert sind Seebären oder Pelzrobben.
Es gibt viele Orte auf der Welt, wo man mit den Tieren im Wasser interagieren kann. Entweder alleine oder im Rahmen einer organisierten Tour, was beim ersten Mal ohnehin sinnvoll ist. Pelzrobben sind an Land territorial, das heißt sie verteidigen ihr Revier. Das sollte man also unbedingt beachten, wenn man sich den Tieren vom Land aus nähern will. Am besten etwas weiter entfernt in’s Wasser steigen und die Entfernung zu den Tieren schwimmend zurücklegen. Im Wasser haben die Tiere absolut kein Problem mit unserer Anwesenheit, sondern sind neugierig und aufgeschlossen. Zumindest meistens…

Wer beobachtet hier wen?

Die Seebären von Kaikoura

Kaikoura bietet mit seinen Robbenkolonien direkt an der zugänglichen Küste die besten Bedingungen um mit den Tieren zu Schnorcheln. Bereits am Vortag unserer Schnorcheltour sind wir zu Fuß an der Küste unterwegs und es dauert nicht lange bis wir die erste Pelzrobbe entdecken, die sich faul in der Sonne aalt. Sie scheint uns gar nicht wahrzunehmen und lässt sich bereitwillig von jeder Perspektive aus fotografieren. Etwas weiter die Küste runter treffen wir dann schließlich auf ihre Verwandten, eine ganze Kolonie der posierlichen Tiere. Sie scheinen uns anfangs ebenfalls zu ignorieren. Als wir uns jedoch immer weiter nähern, hebt sich langsam ein Kopf nach dem anderen und die großen Knopfaugen starren uns interessiert an. Schließlich fängt das Leittier an laut zu Bellen. Übersetzt wohl in etwa „bis hierhin und nicht weiter“. Selbstverständlich akzeptieren wir diese Warnung und ziehen uns etwas zurück um die Tiere nicht unnötig zu stören. Auch an Land ist es schön die dort etwas plump wirkenden Robben zu beobachten, die faul in der Gegend herumliegen oder ihre Jungtiere versorgen. Nichts kann einen nackten Felsen so bequem aussehen lassen, wie ein darauf schlafender Seelöwe.

Am Peninsula Walkway

Aber noch spannender ist es natürlich mit den Tieren in ihrem Element zu agieren, im Wasser. Es gibt in Kaikoura einige Anbieter für Schnorcheltouren mit den Robben. Man könnte zwar auch auf eigene Faust zu den Tieren ins Wasser, aber niemand kennt die örtliche Population so gut wie die Menschen vor Ort. Deshalb ergibt es durchaus Sinn, beim ersten Mal die Hilfe der Profis  in Anspruch zu nehmen. In unserem Fall Seal Swim Kaikoura.
Die Bootsfahrt entlang der Küste von Kaikoura ist kurz und auch extrem kurzweilig, da uns zeitweise eine Schule Schwarzdelfine begleitet. Immer wieder schießen die eleganten Tiere am Boot vorbei und spielen in der Bugwelle, bis sie leider relativ schnell das Interesse an uns verlieren. Zu gerne wäre ich auch kurz zu den Delfinen ins Wasser gesprungen, was auf diesem Trip aber leider nicht möglich war. Dennoch ein guter Start für unsere Schnorcheltour. Einzig das Wetter macht uns etwas sorgen. Es ist stark bewölkt und auch nicht allzu warm. Bei diesem Wetter kann es sein, dass nicht viele Seelöwen im Wasser sind . Denn tagsüber relaxen die Tiere die meiste Zeit und bewegen sich nur ins Wasser, wenn ihnen zu warm ist (auch wieder wie im Freibad).

Robbe schläft

Schnorcheln mit Seebären

Bei der ersten Kolonie die wir erreichen ist dann leider auch nur ein Tier am Baden und nach kurzer Wartezeit beschließen wir eine Bucht weiter zu fahren. Nachdem die Sonne nun auch den Kampf gegen die Wolkendecke zu gewinnen scheint, haben wir dort dann tatsächlich mehr Glück. Mehrere Seebären gleiten elegant durch das trübe Wasser. Ich lasse mich also schnellstmöglich aber doch langsam und ohne allzu viel Platschen ins Wasser plumpsen. Sofort läuft das kalte Nass in meinen Neoprenanzug und lässt mich kurz innehalten, bevor ich in Richtung der spielenden Robben schwimme.

Kalt, aber es lohnt sich!

Allzuweit muss ich nicht paddeln, denn die Tiere sind neugierig und interessiert was hier wohl auf sie zukommt. Sie schwimmen heran, kreisen um mich herum und schießen unter mir durch. So süß sie auch aussehen mögen, es sind letztlich doch Raubtiere mit großen Zähnen, deshalb sollte man den Respekt nicht ganz verlieren. Das ist allerdings oft schwierig, wenn man die großen Kulleraugen und langen Schnurrbarthaare direkt vor der Nase hat oder einer der Seebären neugierig in die Kamera beißt. Ein schönes Erlebnis den Tieren hier in ihrem Element zu begegnen und beeindruckend, wie mühelos und mit welcher Geschwindigkeit die Seelöwen durchs Wasser manövrieren.

An Land plump, aber im Wasser unglaublich agil

So schön, dass ich die Kolonie am gleichen Tag noch mal alleine besuche. An Land suche ich mir einen Weg über das felsige Ufer zu einer größeren Gruppe der Seebären. In weiser Voraussicht bin ich nicht barfuß gegangen, sondern mit Flip Flops. Allerdings ist es trotzdem schwierig, auf den scharfkantigen Felsen bis zum Ufer zu balancieren. Ich halte Blickkontakt zu der Kolonie und will in einiger Entfernung ins Wasser springen, als ich plötzlich neben mir ein Bellen höre und zwei Jungtiere ängstlich zu mir aufsehen. Eine Situation die ich bewusst vermeiden wollte. Zum einen möchte ich die Tiere natürlich nicht stören, zum anderen verteidigen die Seebären ihre Jungtiere verständlicherweise vehement und ich habe keine Lust mich mit einer 100 Kilo Pelzrobbe anzulegen. Ich ziehe mich also langsam zurück und gleite ein paar Meter weiter schnell ins kalte Wasser. Die Jungtiere beobachten mich gespannt, scheinen aber erkannt zu haben, dass ich keine Gefahr darstelle, als ich mich im Wasser langsam entferne. Durch die Ausläufer des Kelpwaldes unter mir bahne ich mir meinen Weg zur Kolonie, die mich nun von Land aus neugierig beäugt und einige Späher ins Wasser schickt.  So ganz alleine ist das natürlich ein noch intensiveres Erlebnis als in der Gruppe bzw. mit Guide.

Übrigens ist die Begegnung mit Seebären eines der wenigen artgerechten Wildlife-Erlebnisse, bei welchen man den Tieren derart Nahe kommt, das auch Kinder ab 5 Jahren schon mitmachen können.
Die Tiere sind nicht gefährlich, das Meer in den Buchten vor Kaikoura ruhig und die Kinder dick eingepackt in Neoprenanzug und Schwimmweste. Es spricht also nichts dagegen auch den Kleinsten zu zeigen, wie schön es sein kann wilden Tieren zu begegnen.

Ich freue mich jetzt schon darauf, meinem Sohn diese wunderbaren Tiere näher zu bringen, wenn er alt genug ist.

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