Huayna Potosi – Bis an die eigenen Grenzen und darüber hinaus

Huayna Potosi – Bis an die eigenen Grenzen und darüber hinaus

Schritt um Schritt quälten wir uns durch die Nacht auf dem Huayna Potosi, bohrten die Steigeisen in den Schnee und ließen die Eisaxt niedersausen, meist mehr um die Anstrengung zu kompensieren als aus Notwendigkeit. Ein eisiger Wind blies uns auf den Ebenen entgegen und trübte etwas die Freude darüber, wenn es gerade mal nicht so steil bergauf ging. Gegenseitig versuchten wir uns zu motivieren dass wir doch bald oben wären und verfluchten die Entscheidung, dass wir uns auf diese Bergbesteigung eingelassen hatten. Unser Guide meinte noch am Vortag dass der Erfolg nur 30% von unserer körperlichen Fitness und 70% vom eisernen Willen abhing es bis zum Gipfel schaffen zu wollen. Irgendwie beruhigend, denn mein Körper wollte eigentlich schon lange nicht mehr. Doch wir kämpften uns weiter voran, in der Hoffnung zum Sonnenaufgang oben zu sein, auf 6088 m, dem Gipfel des Huayna Potosi…

Warum auch noch einen Berg besteigen?

Vor meiner Südamerika Reise las ich einen Artikel in der Zeitschrift GEO über eine Frau, die sich vorgenommen hatte, nach 100 Tagen Training einen 6000er zu besteigen. Sie fing an sich mit Joggen, Schwimmen und kurzen Wandertouren auf die kommende Anstrengung vorzubereiten, flog dann nach Bolivien und schaffte es tatsächlich den Berg den sie sich ausgesucht hatte, Huayna Potosi, zu besteigen. Noch nie hatte ich vorher von diesem Berg ganz in der Nähe von La Paz gehört. Doch ich dachte wenn es die Autorin geschafft hat, dann kann ich es auch schaffen und nahm mir vor mich in La Paz nach einer Bergtour zu erkundigen.

Auf zum Huayna Potosi

Nach einer eiskalten Nachtbusfahrt angekommen in La Paz, der größten Stadt Boliviens, machte mir eine Erkältung gehörig zu schaffen die leider auch nach mehreren Tagen und bester bolivianischer Medizin nicht verschwinden wollte. Dennoch beschloss ich mit der Besteigung des Huayna Potosi nicht länger zu warten. “Wird schon werden!” dachte ich mir und buchte nach einigen Erkundigungen eine Drei-Tages-Tour mit Altitude 6000 die mich auf den Gipfel führen sollte.

Es gibt in La Paz mehrere Agenturen die Bergbesteigungen anbieten und wenn man sich die Anbieter bei Tripadvisor ansieht, bekommt man größtenteils das Grausen. Einer schlechter als der andere. Nach langem hin und her entschloss ich mich für Altitude 6000, die bei Weitem nicht die günstigsten waren, doch zumindest gut bewertet und ich sollte die Entscheidung nicht bereuen. Da die Tour nicht unbedingt ein Kinderspiel ist sollte man der geliehenen Ausrüstung und den Guides voll und ganz vertrauen können und dafür lieber etwas mehr bezahlen.

Auf zum Huayna Potosi

Nach und nach trudelten alle sechs Teilnehmer unserer Tour im Büro von Altitude 6000 ein und ich war erleichtert zu erfahren, dass es für alle das erste Mal war einen 6000er zu besteigen und auch die erste Tour mit Steigeisen und Eisaxt. Etwas Klettererfahrung, eine einwandfreie körperliche Fitness und ein eiserner Wille sollte fast alles sein was wir benötigten um den Gipfel zu erreichen. Es wurden jeweils zwei Kletterer einem Guide zugeteilt und da die Guides alle nur spanisch sprachen, war ich froh, dass ab und an jemand übersetzen konnte. Nach einer kurzen Kennenlernrunde (alle außer mir Franzosen…;-) ging’s in’s Wohnzimmer (!) des Agenturchefs, wo wir mit aller nötigen Ausrüstung ausgestattet wurden. Thermounterwäsche, Handschuhe, Thermohose, Thermojacke, Plastikschuhe, Steigeisen, Gurtzeug, Eisaxt, Helm, Stirnlampe, mein Rucksack war voll!

Voll bepackt in’s Abenteuer

Voll ausgerüstet fuhren wir zum ersten Basis-Camp, einer einfachen Unterkunft auf 4600 m Höhe. Von hier aus unternahmen wir am Nachmittag eine kurze Wandertour zum Gletscher um das Eisklettern zu üben und ich freute mich, dass es tatsächlich gar nicht so schwierig ist mit den langen Spikes an den Schuhen und der Eisaxt auf dem Gletscher halt zu finden. Mit einem Seil waren ich und mein Kletterpartner Johann an unserem Guide fixiert und waren die ersten unserer Gruppe die den Übungsgletscher bezwungen hatten. Motiviert durch einen ersten Erfolg und mit etwas weniger Sorge was uns wohl am richtigen Gletscher erwarten würde kehrten wir in unsere Unterkunft zurück. Dort versuchte unser mitgereister Koch uns so viele Kalorien wie möglich unterzujubeln und damit seinen Beitrag dazu zu leisten, dass uns am Weg nach oben nicht die Puste ausgehen würde. Neben Kalorien war es vor allem Koka-Tee der in rauen Mengen konsumiert wurde um der Höhenkrankheit vorzubeugen.

Kletterübung am Gletscher

Das High-Camp

Nach einer für mich nahezu schlaflosen Nacht und quälenden Kopfschmerzen musste ich mir leider eingestehen, dass ich die Erkältung doch noch nicht ganz überstanden hatte und auch die Höhe mir bereits zu diesem Zeitpunkt mehr zu schaffen machte als mir lieb war. Ich dachte kurz darüber nach, nach La Paz zurückzukehren, entschloss mich dann aber doch gemeinsam mit den anderen die ca. 2-3 stündige Wanderung zum High-Camp auf 5100 Meter auf mich zu nehmen. Bei strahlendem Sonnenschein und mit voller Ausrüstung schwitzten wir uns ordentlich einen ab auf dem Weg nach oben und waren froh als wir gegen Mittag die einfache Berghütte erreichten die in der Nacht der Ausgangspunkt für unsere Gipfelbesteigung sein sollte. Bereits von hier aus war die Aussicht phänomenal und der Gletscher des Huayna Potosi lag direkt vor uns.

Das High Camp

Ich verbrachte fast den ganzen Tag und die kurze Nacht damit mich auszuruhen und versuchte die Symptome der Erkältung und Höhenkrankheit (Kopfschmerzen, Übelkeit) mit allen mir angebotenen bolivianischen Hausmittelchen zu bekämpfen. Natürlich machte ich mir auch Gedanken ob es nicht sinnvoller wäre wieder abzusteigen, gerade als ich sah wie Mitglieder einer anderen Gruppe, die von der Höhenkrankheit ziemlich angeschlagen waren, sich wieder auf den Weg nach unten machten ohne die eigentliche Gipfelbesteigung angegangen zu sein. Doch ich wollte nicht aufgeben, noch nicht! So verbrachte ich eine weitere schlaflose Nacht bis um Mitternacht der Wecker klingelte und die Gipfelbesteigung des Huayna Potosi endlich losgehen sollte…

Aussicht vom High Camp in’s Tal

1000 Höhenmeter Kälte, Schmerz und Euphorie

Ich fühlte mich wie seekrank und überlegte mir zum wiederholten Male ob es wirklich so eine gute Idee war die Gipfelbesteigung anzugehen. “Was wenn ich nach einigen Stunden bergauf keine Kraft mehr hätte wieder nach unten zu kommen?” Doch meine Mitkletterer ließen keine Zweifel gelten und predigten mir immer wieder: “You can make it!” “We will all make it!” So lange, bis ich wohl selbst auch daran glaubte und so legte ich meine Ausrüstung an und folgte unserem Guide in die Nacht. Schon nach kurzer Zeit kamen uns die ersten Bergsteiger entgegen, welche die Besteigung breits abgebrochen hatten. Kein schlechtes Omen hoffte ich…

Der Aufstieg startete mit einer ellenlangen Schräge auf der wir darauf achten mussten nicht abzurutschen und ich war zum ersten mal froh darüber, dass wir auf Grund der Dunkelheit nicht sahen was unter und über uns war. Ich konzentrierte mich auf nichts um mich herum, nur auf meine Schritte. Immer einen Fuss vor den anderen und Halt suchen mit der Eisaxt. Immer wieder sagte ich mir selbst dass ich es schaffen kann diesen verdammten Berg zu besteigen und Schritt um Schritt schüttelte ich die Übelkeit, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit ab und ließ mich vom durch die Adern jagenden Adrenalin weiter vorantreiben.

An Schrägen entlang, über Ebenen und schmale Grate zog sich unser Aufstieg. Eine leuchtende Stirnlampenschlange die sich den Berg nach oben wand. Alle 60 – 90 Minuten oder nach besonders schweren Passagen gönnten uns die Guides eine kurze Rast, einen Schluck Koka-Tee und jede Menge Schockolade und Nüsse um uns Energie zu verschaffen. Doch schon nach ein paar Minuten drängten sie zum weitergehen, da wir nicht zu stark auskühlen durften. Ist schließlich nicht die beste Idee bei -20° Celsius verschwitzt im eisigen Wind und Schnee zu sitzen, auch wenn die Beine es einem dankten.

Kurze Pause

Nach ca. drei Stunden Aufstieg erreichten wir eine Abbruchkante über die ich froh bin im Vorfeld nichts gewusst zu haben. Ungefähr 25 Meter ging es senkrecht nach oben, gesichert nur mit dem Seil am Vordermann und Guide hakten wir unsere Steigeisen in’s Eis und zogen uns mit vermeintlich letzter Kraft an unserer Eisaxt hoch. Oben angekommen, völlig am Ende, waren wir froh die wohl gefährlichste und anstrengenste Passage gemeistert zu haben. Doch die Verschnaupause währte nur kurz. Wir mussten weiter!

Umso höher wir stiegen, umso besser schien ich mich zu fühlen, wirklich paradox. Die restlichen fünf Reisenden unserer Gruppe litten immer mehr unter der dünnen Luft in der Höhe und mein Partner Johann fiel alle zehn Meter in den Schnee und keuchte dass er keine Luft mehr bekäme. Nun war es an mir Ihn zu motiveren: “Get up! We will make it! We will not give up!”. Inzwischen glaubte ich auch selbst daran es schaffen zu können. Mal für mal raffte sich Johann wieder auf und wir stapften weiter bis wir irgendwann den Gipfel schon vor Augen hatten. Wir wähnten uns bereits fast da, doch das letzte Stück hatte es noch mal in sich.

Die finale Schräge

Der Morgen graute bereits als wir keuchend und nach Sauerstoff lechzend den steilen Aufstieg zum Gipfel angingen. In Serpentinen kämpften wir uns die Schräge hoch, wissend dass ein Absturz auf diesem steilen Stück wohl nicht gut gehen würde. Doch so mit Adrenalin und Freude vollgepumpt bald am Ziel zu sein, dass wir das letzte Risiko achselzuckend in Kauf nahmen bis wir schließlich tatsächlich oben ankamen, am Gipfel des Huayna Potosi, auf 6088 m.

Am Gipfel des Huayna Potosi

Was soll ich sagen? Das Gefühl war unbeschreiblich! Drei Tage lang habe ich gezittert, drei Tage lang habe ich gezweifelt und nun stand ich nach sechs Stunden quälendem Aufstieg auf dem Gipfel und sah wie der rote Feuerball durch die Wolken stach auf die wir herabsahen. Es herrschte eine andächtige Euphorie, wir fielen uns in die Arme, gratulierten uns gegenseitig und schossen Beweisfotos. Wir hatten es geschafft!

Sonnenaufgang

Der Abstieg

Leider war unsere Zeit am Gipfel sehr begrenzt, denn die Kälte (-20°) und aufgehende Sonne zwangen uns nach kurzer Zeit bereits wieder den Rückweg anzugehen. Wenn die Sonne höher steht, steigt die Lawinengefahr und so mussten wir sicherstellen vor 10 Uhr zurück am High Camp zu sein. Beschwingt durch das Erreichte gestaltete sich der Rückweg lange nicht so schwer wie der Aufstieg und auch wenn uns alle Glieder schmerzten, gingen wir zügig voran.

Abstieg

An der Steilwand wurde dieses mal ein Pflock in’s Eis geschlagen und ein Seil befestigt an dem wir uns abseilen konnten, auch nicht ganz ohne, aber nicht ganz so gefährlich und anstrengend. Schließlich, nach 6 Stunden Aufstieg und 2,5 Stunden Abstieg kamen wir vollkommen kaputt aber überglücklich wieder am High Camp an, packten unsere Sachen und marschierten noch mal ca. 2 Stunden weiter zum Basis Camp von wo uns ein Auto zurück nach La Paz brachte.

Geschafft!

Mein Fazit

Auf dem Weg nach oben versicherten Johann und ich uns gegenseitig, dass wir uns nie mehr auf so einen Scheiß einlassen würden. Doch nach einer (bitter nötigen) heißen Dusche und einer ordentlichen Portion Schlaf dachte ich darüber bereits anders. Ich bin stolz und froh, die Gelegenheit in Bolivien genutzt zu haben um relativ spontan und ziemlich günstig einen 6000er bestiegen zu haben. Jetzt mehrere Wochen danach ist der Schmerz in den Gliedern längst vergangen doch die Euphorie und das Glücksgefühl bis an die eigene Schmerzgrenze gegangen zu sein und darüber hinaus ist immer noch so lebendig als war ich gerade erst auf dem Gipfel. Huayna Potosi, mein erster 6000er wird also hoffentlich nicht mein letzter gewesen sein…

 

 

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