Die Berggorillas von Uganda – Ein Besuch bei den letzten ihrer Art

Die Berggorillas von Uganda – Ein Besuch bei den letzten ihrer Art

Ich kann mich erinnern, wie ich als Kind gebannt vor dem Fernseher saß und zusammen mit meinen Eltern den Film “Gorillas im Nebel” sah. Wir haben mitgefiebert als die von Sigourney Weaver gespielte Forscherin Dian Fossey mit allen Mitteln versucht hat die Berggorillas in Ruanda zu schützen und dafür mit ihrem Leben bezahlen musste. Ergreifend in Szene gesetzt rüttelte der Film damals die Weltöffentlichkeit wach und machte sie aufmerksam auf das Schicksal der vom Aussterben bedrohten Berggorillas. Allerdings geschah das alles im fernen, wilden Afrika und war für uns damals so weit weg wie heute der Mond. Ich hätte mir nicht erträumt, dass ich ungefähr 20 Jahre später in den Wäldern Ostafrikas selbst die Möglichkeit bekommen würde diesen beeindruckenden Tieren Auge in Auge gegenüberzustehen und damit meinen kleinen Teil dazu beitragen kann die Berggorillas von Uganda vorm Aussterben zu bewahren.

Nachdem der Bestand an Berggorillas auf Grund von Jagd und Wilderei in den 1950ern mit rund 600 Tieren seinen Tiefststand erreicht hatte, ist es Forschern wie Dian Fossey und diversen Schutzprojekten zu verdanken, dass die Population bis heute wächst und es aktuell noch etwa 850 lebende Berggorillas auf unserem Planeten gibt. Die letzten Rückzugsgebiete der Gorillas befinden sich zum einen an den Hängen der Virunga Vulkane im Grenzgebiet der demokratischen Republik Kongo, Ruandas und Ugandas und zum anderen im Bwindi-Nationalpark im Südwesten Ugandas auf Höhen von 2000 – 4000 Metern. Obwohl nicht weit voneinander entfernt haben die beiden Populationen nicht mehr die Möglichkeit ihr Erbgut zu vermischen, da die Schutzgebiete durch menschliche Siedlungen und Feldwirtschaft voneinander getrennt liegen. Nach wie vor wird der Bestand der Menschenaffen bedroht durch Wilderei, kriegerische Auseinandersetzungen der drei Länder und vor allem in Uganda durch einen enormen Siedlungsdruck auf den Nationalpark.

Aktuell ist es in Ruanda, Uganda und der DR Kongo möglich den Tieren in freier Wildbahn in Form eines Gorilla-Tracking zu begegnen. Ein Besuch des Virunga-Nationalpark in der DR Kongo ist auf Grund kriegerischer Auseinandersetzungen und diverser dort agierender Rebellengruppen nicht immer ganz ungefährlich. In Ruanda und Uganda ist das Gorilla-Tracking relativ problemlos machbar, nachdem Ende der 90er allerdings eine Touristengruppe von Rebellen masakriert wurde begleiten auch hier bewaffnete Soldaten die Touren. Um das Gorillatracking machen zu können verpflichtet man sich, gesundheitlich in einwandfreier Verfassung zu sein, da die Gorillas für menschliche Krankheiten anfällig sind und so eine Grippe oder ähnliches schnell einen erheblichen Teil der Population auslöschen könnte. Des weiteren muss man im Vorfeld eines der begehrten Gorilla-Permits bei der Regierung des jeweiligen Landes beantragen. Dies kann man selbst tun oder eine Reiseagentur übernehmen lassen. In jedem Fall sind die Permits ziemlich kostspielig: Ruanda aktulle 750 $, Uganda 600 $ pro Person. Mit diesem Permit hat man dann die Möglichkeit, für eine Stunde bei der entsprechenden Gorillagruppe zu verweilen. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg…..

Da etwas günstiger und auch besser in unsere gesamte Uganda-Reise einbaubar entschieden wir uns für ein Gorilla-Tracking im südlichen Teil des Bwindi Impenetrable Nationalparks. Nachdem wir die Savannen der nördlichen Nationalparks von Uganda hinter uns gelassen hatten empfing uns die Region um den Bwindi mit extrem fruchtbaren Hängen und dem dazugehörigen Regen. Die Gegend hier ist deutlich dichter besiedelt als der Norden und der Bevölkerungsdruck auf den nur 660 km² großen Nationalpark ist sehr hoch. Nicht geringe Teile der Bevölkerung sind dafür den Park auch noch abzuholzen um die Flächen zum Anbau diverser Feldfrüchte zu nutzen. Wir verbrachten unsere Zeit am Bwindi in dem einfachen aber schönen Nkuringo Gorilla Camp und starteten von hier aus früh morgens zum Treffpunkt für das Gorilla-Tracking.

Bwindi Impenetrable Nationalpark

Die etwa 400 im Bwindi beheimateten Gorillas leben in Gruppen zusammen von 4 – 40 Tieren, angeführt jeweils von einem dominanten Silberrücken. Einige dieser Gruppen wurden über viele Jahre hinweg habituiert. Das heißt, dass sie Menschen in ihrer Nähe dulden, hat aber nichts mit einem Streichelzoo zu tun. Die Tiere leben in freier Wildbahn und entscheiden selbst, ob sie die Begegnung zulassen oder nicht. So ist die Wahrscheinlichkeit zwar relativ hoch jedoch keinesfalls garantiert die Gorillas auch wirklich zu sehen. Im Bwindi gibt es insgesamt elf habituierte Gruppen und jede der Gruppen darf täglich von maximal acht Touristen besucht werden, wobei die meisten Gruppen nur an max. 10 bis 20 Tagen im Monat aufgesucht werden. Die Anzahl der Touristen ist also durchaus überschaubar und diese Anzahl an Permits dirigiert prinzipiell auch den Großteil des Tourismus im restlichen Land. Denn wer nach Uganda kommt der möchte in der Regel auch Gorillas sehen.

Steiler Aufstieg durch die Felder

So ging es für uns und vier weitere Touristen zusammen mit Guides, Trägern und Militärbegleitung am frühen Morgen Richtung Wald um hoffentlich den Gorillas der Kahungye-Gruppe begegnen zu können. Wir mussten erst ca. 90 Minuten Fussmarsch durch die am Hang und direkt am Nationalpark gelegenen Felder zurücklegen um den Wald zu erreichen. Nicht selten kommt es vor, dass sich einige Gorillas auch von den Feldfrüchten bedienen, zum Ärger der Bewirtschafter. Unser Guide war in ständigem Funkkontakt zu zwei “Trackern”, die bereits vor Sonnenaufgang aufgebrochen waren um die Gorillagruppe zu finden und uns dorthin zu lotsen. War der Marsch durch die Felder schon anstrengend, so wurde es im Wald dann noch mal eine ganze Spur härter. Der Wald heißt nicht umsonst “Impenetrable = Undurchdringbar”. Megadicht bewachsen musste uns ein Weg mit der Machete freigeschlagen werden und wir krochen teilweise auf allen vieren die Hänge hoch, blieben ständig irgendwo hängen oder brachen im Geäst ein. Ich hatte dennoch (oder gerade deshalb) einen Heidenspass dabei, Nadine war allerdings schon ziemlich angesäuert: “Das war das letzte Mal das ich mich auf so was eingelassen habe” warf sie mir an den Kopf (und macht’s beim nächsten mal ja doch wieder 😉 ). Unser Träger half ihr, zog sie teilweise die Hänge hoch und verdiente sich somit ein stattliches Trinkgeld. Selbst nach drei Stunden hatten die Tracker die Gorillas noch nicht gefunden, doch irgendwann kam die Nachricht: Sie sind dort. Und wir waren gar nicht mehr weit entfernt.

Wie aus dem Nichts tauchten die beiden Tracker aus dem Unterholz auf. Die Kahungye-Gruppe sollte direkt vor uns sein und noch eine andere Gruppe bedindet sich in der Nähe. Es könnte zu Revierkämpfen zwischen den Silberrücken kommen. Wir sollten uns absolut ruhig verhalten und auf keinen Fall wegrennen, da uns die Gorillas sonst als Feinde ansähen. Langsam und mit zitternden Knien folgten wir den Trackern, als wir plötzlich ein Jungtier unmittelbar vor uns im Gestrüpp verschwinden sahen. Es wurden noch einige kleine Äste entfernt, dann saß er auf ein mal vor uns: Der Anführer, der Silberrücken. Vielleicht sechs Meter vor uns hockte er im Gebüsch und verspeiste gemütlich ein paar Blätter. Wir waren absolut fasziniert und gleichzeitig auch etwas verängstigt von dem riesigen Gorilla. Als unsere Guides versuchten noch ein paar Äste vor dem Silberrücken zu entfernen um uns einen besseren Blick zu gewähren, sprang dieser plötzlich aus dem Gebüsch auf uns zu, hob die Arme und brüllte. Zwei Leute aus unserer Gruppe wollten loslaufen und die Guides riefen wie wild “Don’t run, don’t run!”. Genauso schnell wie sich die Situation zusammengebraut hatte entschärfte sie sich auch wieder. Der Silberrücken zog sich wieder zurück und fraß weiter.

Der Silberrücken

Wir verlagerten unseren Standort etwas und konnten so weitere Tiere der Gruppe sehen. Einige Weibchen, die uns argwöhnisch beobachteten (wie Frauen halt so sind 😉 ) und sogar ein Jungtier, das ausgelassen an einem dünnen Baum herumtollte, bis dieser abbrach und den Kleinen zu Boden beförderte. Auf Grund der sehr dichten Vegetation war es extrem schwierig die Tiere gut zu sehen und gute Fotos zu schießen. Wir mussten teilweise auf Gestrüpp und Geäst herumkriechen, ich brach mit einem Bein komplett in ein Loch ein und riss mir dabei die Hose auf. Aber das war’s wert!

Argwöhnische Gorillaweibchen

Immer wieder setzte sich der Silberrücken zwischen uns und den Rest der Gruppe um uns vor seinen Schützlingen fern zu halten. Gegen Ende unserer Zeit wurde er abgelöst von einem “Blackback”. Ein noch nicht ganz so altes Männchen, dem der charakteristische silberne Rücken noch fehlt, der dem Anführer jedoch in Größe und Statur in keinster Weise nachstand. Ungefähr drei Meter vor uns nahm der Gorilla platz, sah uns an und verspeiste weiter sein Grünzeug. Absolut Überwältigend eine Begegnung mit diesen uns so ähnlichen Tieren. Man kann förmlich die Vorwürfe aus den friedlichen, traurigen Augen der Tiere lesen: Warum zerstört ihr unseren Lebensraum? Leider wer die Stunde viel zu schnell vorbei und als unser Guide das Zeichen zum Rückzug gab, stand der “Blackback” auf und ging.

“Blackback”

Wir machten uns an den beschwerlichen Rückweg und rutschten die Hänge runter, die wir zuvor hoch gekrochen waren. Wir sind beide körperlich in wirklich guter Verfassung und auch einigermaßen sportlich, aber dieser Trip brachte uns wirklich an den Rande unserer Kräfte. Nadine hatte zwischenzeitlich ganz schöne Angst, dass ihr Kräfte für den Weg zurück nicht mehr ausreichen würden, taten sie aber. Und so erreichten wir am Nachmittag völlig durchgeschwitzt, dreckig und voller Schrammen aber glücklich und um ein ganz spezielles Erlebnis reicher die Waldgrenze. Nach dem Abstieg durch die Felder verabschiedeten wir uns von Guides, Trackern und Trägern und sahen uns die Souvenirs an, die die Einheimischen direkt am Weg nur für uns sechs Touris aufgebaut hatten und kauften einen kleinen geschnitzten Gorilla.

Silberrücken

Für die Erhaltung des Schutzgebiets und damit einer der letzten Gorillapopulationen ist es essentiell wichtig, dass Touristen in das Gebiet kommen und den Einheimischen so eine Verdienstquelle abseits vom Ackerbau eröffnen. Nur wenn die lokale Bevölkerung mitverdienen kann am Gorillatourismus und das Geld nicht nur in der Staatskasse versickert werden sie sich auch für deren Schutz und nicht mehr für die Abholzung des Gebietes einsetzen. Als wir am Morgen starteten warteten ca. 30 Träger auf Arbeit und obwohl wir unseren Rucksack selbst hätten tragen können waren wir leider eine der wenigen Gruppen die einen der Träger engagierte. Auch die selbst hergestellten Souvenirs finden natürlich keinen reisenden Absatz, deshalb ist es umso wichtiger hier einfach ein paar Dollar zu lassen und das sollte schon drin sein bei immerhin 600 $ pro Person für ein Permit.

Was er wohl denkt?

Insgesamt sicherlich eine der beeindruckendsten Tierbegegnungen die wir je hatten und eine die uns immer wieder daran erinnern wird, wie faszinierend und auch fragil unsere Natur ist und warum es so wichtig ist das Aussterben weiterer Arten mit aller Macht zu verhindern. Wer etwas für die Erhaltung dieser einzigartigen Lebewesen beitragen will kann natürlich für eines der Hilfsprojekte spenden oder einfach nach Ruanda oder Uganda fliegen um den letzten Berggorillas selbst von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.

 

 Reisezeitraum: Dezember 2013

Für alle Natur-Interessierten ein “Must-See” ist die brandaktuelle Doku “Virunga”.

Auf eindrucksvolle Weise wird der Kampf der Ranger des Virunga-Nationalparks in der demokratischen Republik Kongo gegen das englische Unternehmen Soco dargestellt. Soco möchte im Park Ölbohrungen durchführen und nimmt damit in Kauf Afrika’s ältesten Nationalpark und eines der beiden letzten Rückzugsgebiete der Berggorillas zu vernichten. Wie so oft in den letzten Jahrhunderten sind es Weiße geldgierige Investoren, die die Natur und deren Ressourcen ausbeuten und die Perspektive für die Bevölkerung der Region zerstören.

Ein Gedanke zu „Die Berggorillas von Uganda – Ein Besuch bei den letzten ihrer Art

  1. Die Berggorillas sind sehr faszinierend. Das war für mich ein sehr interessanter Bericht. Durch Euch werde ich noch viel interessantes lesen können. Eine tolle Zeit wünscht euch eure mum. Seit immer schön vorsichtig!

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