Der Colca Canyon und die Kondore – Superlative unter sich

Der Colca Canyon und die Kondore – Superlative unter sich

Der Colca Canyon, ein Ort an dem selbst die größten Vögel Südamerikas winzig klein wirken. Bis sie mit ihren ausgebreiteten riesigen Flügeln direkt über die Köpfe der wartenden Beobachter rauschen. Steilwände die ins nichts abzufallen scheinen und terrassenförmiger Ackerbau über mehrere Klimazonen. Temperaturen um den Gefrierpunkt an den Rändern der Schlucht und eine von Palmen bestandene Oase in tropischer Wärme am tiefsten Punkt. Das Spektrum des zweittiefsten Canyon der Welt könnte weiter kaum sein. Die meisten Besucher werden angezogen von seinen berühmten Bewohnern. Der beste Platz weltweit um den größten Greifvögeln der Erde, den Andenkondoren, nahe zu kommen thront auf rund 3300 m und bietet nicht nur die Möglichkeit die Vögel beim Aufstieg aus der Schlucht zu beobachten, sondern auch atemberaubende Ausblicke in den Colca Canyon.

Der Colca Canyon

Jedes Kind hat schon mal vom Grand Canyon in den USA gehört, und wenn’s nur in einem Western war. Doch der weltweit berühmteste Canyon ist bei weitem nicht der tiefste. Mit einer Tiefe von 1800 m rangiert der Grand Canyon eher auf den hinteren Plätzen. Ausgestochen wird er von mehreren Schluchten in Südamerika, unter anderem auch vom Colca Canyon. Mit rund 3300 m ist er der zweittiefste Canyon der Welt und wird nur übertroffen vom Yarlung Zangbo in Tibet. Der Colca Canyon erstreckt sich über eine Länge von insgesamt 70 km im Süden Perus und von seinem Rand bis ins Tal  umfasst er mehrere Klimazonen. Frühzeitig wurde die Fruchtbarkeit der Region erkannt und so werden bereits seit der Herrschaftszeit der Inka die Hänge und umliegenden Gebiete der Schlucht zum Ackerbau genutzt.

Die terrassierten Felder am Colca Canyon

Unzählige terrassierte Felder drücken sich an die Steilhänge und erinnern mich an den Ackerbau in Uganda. Auch dort wird im fruchtbaren Süden des Landes jede noch so steile Fläche genutzt um der Erde Feldfrüchte abzuringen. Doch die pittoresken Felder sind es nicht die mich und viele weitere Südamerikareisende zum Colca Canyon zieht. Natürlich sind es die Ausblicke auf den Canyon selbst, doch auch das Vorkommen der Anden-Kondore dürfte für viele eine große Rolle spielen den langen Anreiseweg in Kauf zu nehmen.

Am Colca Canyon

Erreichbar ist der Colca Canyon entweder von Arequipa, welches die von den meisten favorisierte Route ist, oder von Puno aus. Von Arequipa werden sogar 16-stündige Tagesausflüge angeboten, die Fahrern, Guides und Besuchern alles abverlangen und nicht wirklich zu empfehlen sind. Wer sich wirklich ein Bild von der Region machen möchte, sollte entweder eine mehrtägige Trekkingtour in den Canyon selbst buchen oder eine oder mehrere Nächte in dem kleinen Ort Chivay verbringen, dem Tor zur Region.

Der Colca Canyon

Von Puno nach Chivay

“Hola Gringo” wurde ich von einem kleinen Jungen an der Hand seiner Mutter begrüßt, als ich über den Markt in Chivay schlenderte. Fest in einheimischer Hand wird dort alles angeboten, was man zum Leben im Hochland braucht: Angefangen bei allerlei warmer Kleidung, über Obst und Gemüse, bis hin zu frischen Alpaka-Fellen.

Der Markt in Chivay

Doch bevor ich in Chivay ankam hatte ich eine lange Fahrt in einem wie üblich eiskalten Minibus durch das peruanische Andenhochland hinter mich zu bringen. Da ich allerdings der einzige Tourist war, der die von den Agenturen in Puno organisierte Fahrt antrat, hatte ich ausreichend Platz und auch jede Menge Möglichkeiten um zu stoppen und die Aussicht zu genießen. Die Kargheit der Landschaften auf der einen und die Vielfalt und Widerstandfähigkeit ihrer Bewohner auf der anderen Seite erinnerten mich sehr an das Altiplano Boliviens. Denn auch hier in Peru passierten wir Lagunen, die sich Flamingos mit Enten und allerlei weiteren Vögeln teilten und trafen auf  große Herden Lamas und Alpakas, die sich in Höhen zwischen 3000 und 5000 Metern pudelwohl fühlen.

Lamas und Alpakas im Hochland

Die Tiere sind domestiziert und es wird in Peru, wie auch in Bolivien, sowohl ihre Wolle, als auch ihr Fleisch genutzt. Die bunten Fäden in den Ohren, die vor allem bei Lamas oft zu sehen sind, zeigen an wem die Tiere gehören. Doch auch wilde Tiere liefen uns über den Weg und wir hatten das Glück einige der schönen und scheuen Vicunjas beobachten zu dürfen. Wie eine Mischung aus Hase, Schaf und Lama standen uns die flauschig weichen Tierchen kritisch gegenüber und wägten die Gefahr ab, die wohl von uns ausginge. Vicunjas sind nicht domestizierbar und demnach ausschließlich in freier Wildbahn anzutreffen.

Vicunjas

Nachdem ich die lange Anfahrt hinter mich gebracht hatte und zur Belustigung einiger einheimischer auf dem Markt nach Ersatz für meine zu Neige gegangenen Bartgummis gesucht hatte (mit Erfolg übrigens) schlenderte ich durch den Ort. Die zwei, drei asphaltierten Straße im Ortszentrum mit einigen Restaurants vermitteln tatsächlich den Eindruck einer aufgeräumten Stadt, während alles außerhalb des Zentrums eher mit staubiger Wildwestattitüde glänzt. Fragwürdige Restaurants buhlen um Kundschaft und wenn man über die hygienischen Zustände hinwegsieht und sich auch nicht daran stört wenn am Hühnerbein in der Suppe noch viel zu viele Federn dran sind, kann man in Chivay wirklich gut und günstig essen.

Mahlzeit

Trotz der Lage mitten im Nirgendwo, staubiger Pisten die als Straßen fungieren und bei Regen sicher kaum mehr befahrbar sind und Häusern die aussehen wie in einer Geisterstadt, gibt es selbst hier in meiner einfachen Unterkunft gut funktionierendes Wifi. Man hat in Südamerika also inzwischen ähnliche Prioritäten wie bei uns. Verrückte Welt!

Chivay

Wer allerdings über gesunde Augen und Beine verfügt sollte nicht allzu viel Zeit im Internet verbringen, sondern sich lieber die Region um Chivay, das Colca Tal, ansehen. Sobald man den Ort verlässt, stößt man auf grüne Landschaften, teils domestiziert, teils wild, die mich immer wieder an Bayern oder Österreich erinnern, wenn die Kakteen nicht wären. Durchzogen von großen und kleinen Flüssen sieht man selbst kleine Wasserfälle wenn man die Region zu Fuss erkundet und da der Tourismus in Chivay sehr überschaubar ist, wird man kaum anderen Besuchern begegnen.

Um Chivay

Auch nicht vielen aber etwas mehr Touristen begegnet man in den heißen Pools unweit des Ortes. Dort werden mehrere Becken direkt gespeist von heißen Quellen und gegen ein geringes Eintrittsgeld kann man so lange in den sehr sehr heißen Pools abhängen bis der Kreislauf zusammenbricht, was nach ca. 60 Minuten gar nicht so unwahrscheinlich ist. Noch schneller geht’s mit eins, zwei Bier dazu, wie eine amerikanische Rentnertruppe eindrucksvoll bewiesen hat :-).

Frau aus Chivay in traditioneller Tracht

Cruz del Condor

Wenn man Tiere in freier Wildbahn beobachten möchte gibt es einen extrem wichtigen Faktor, ohne den nichts geht: Glück! Das Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Bis hierher war mir das Glück in Südamerika einigermaßen hold und so hoffte ich es würde mich auch am Cruz del Condor nicht im Stich lassen. Als wir am frühen Vormittag an den Aussichtspunkten ankamen waren schon einige Touristen vor Ort, aber noch keine Kondore. An den meisten Tagen lassen sich die Kondore von der warmen Luft, die aus dem Colca Canyon aufsteigt in die Höhe tragen und kreisen über der Schlucht auf der Suche nach Nahrung. Aber eben nur an den meisten. Ist es bewölkt, steigen sie nicht auf. Ist es zu kalt, steigen sie nicht auf. Wenn es regnet, steigen sie nicht auf. Und vielleicht am wichtigsten: Man muss zur richtigen Zeit, weder zu früh noch zu spät, vor Ort sein um das Spektakel miterleben zu können.

junger Andenkondor

So verteilten wir uns auf die Aussichtsplattformen, starrten in den Canyon und warteten und warteten und warteten. Bis sich ganz tief unten zwei Punkte aus dem Fels schälten. Zwei Jungtiere, wie sich herausstellte, die ersten Vorboten der größten Greifvögel der Welt. Mit einer Flügelspannweite über drei Metern gibt es im Tierreich kaum Fluglebewesen, die dem Andenkondor das Wasser reichen können.

Andenkondor

Wir bestaunten die braun gefiederten Jungtiere, die sich immer weiter nach oben schraubten, bis schließlich auch ausgewachsene Kondore auftauchten. Mit ihrem schwarz-weißen Gefieder sind sie gut von den Jungtieren zu unterscheiden und bieten selbst von oben einen wunderschönen Anblick. Doch es scheint fast so als wären sie sich ihrer eigenen majestätischen Erscheinung bewusst und würden die Aufmerksamkeit die ihnen zu Teil wird genießen. Immer wieder tauchten sie unvermittelt auf, schwebten nur knapp unterhalb der Aussichtsplattformen vorbei oder flogen direkt über die Köpfe der beeindruckten Zuschauer, bevor sie genauso schnell wieder verschwanden.

Andenkondor

Ein imposantes Schauspiel dem wir hier beiwohnen durften, diesen leider auch vom Aussterben bedrohten prähistorisch anmutenden Riesen so nahe zu kommen. Die Aussichtsplattformen Cruz del Conder bei Chivay in Peru sind weltweit der beste Ort um die Tiere zu sehen. Auch wenn die Anreise sowohl von Puno, als auch von Arequipa lang und anstrengend ist und auch die Höhe ihren Tribut fordert, sollte man die Chance nicht verpassen, mit etwas Glück, einen Blick auf die größten Greifvögel der Welt in ihrem natürlichen Lebensraum zu erhaschen. Lo impresionante!

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