Boliviens Pampas – Wo sich Kaiman und Delphin gute Nacht sagen

Boliviens Pampas – Wo sich Kaiman und Delphin gute Nacht sagen

“Das ist irgendwo mitten in den Pampas” ist ein Satz den ich über die Jahre immer dann gehört habe, wenn irgendein Ort ziemlich abgelegen oder einsam ist. Nun führte mich meine Reise doch tatsächlich in diese Pampas und ich kann euch versichern: Nichts von dem was ihr immer meintet was dort sein soll ist wirklich dort. Die Abwesenheit der ganzen Orte die in den Pampas liegen sollen und deren Bewohner erklärt dann vielleicht auch den immensen Tierreichtum des bolivianischen Feuchtgebiets an den Ausläufern des mächtigen Amazonas. Vögel, Schildkröten, Affen, Schlangen, Kaimane und selbst die rosa Flussdelphine bekommt man bei einer Fahrt auf den von Piranhas bevölkerten Flussarmen zu Gesicht. Drei Tage verbrachte ich in den Pampas um all diesen Geschöpfen, die man sonst nur in irgendwelchen Dokus zu Gesicht bekommt, nahe zu kommen und ich kann euch sagen, es war verdammt nahe…

Von Rurrenabaque in die Pampas

Bolivien’s Pampas sind ein Feuchtgebiet unweit der brasilianischen Grenze das durchzogen wird von unzähligen Flüssen, die teilweise direkt in den Amazonas münden. Die Gegend bietet exzellente Möglichkeiten zur Tierbeobachtung die sicherlich dem weit bekannteren Pantanal in nichts nachstehen. In der Regel dauert ein Besuch des Gebiets rund drei Tage und lässt sich bereits von La Paz aus organisieren. Allerdings verpasst man dann das kleine entspannte Dschungelstädtchen Rurrenabaque, das Ausgangspunkt für einen Besuch der Pampas ist und eine Vielzahl an Agenturen beherbergt die den Trip anbieten. Mir hat auch Rurrenabaque sehr gut gefallen, so dass ich eine längere Zeit dort verbracht habe, unterbrochen von dem Trip in die Pampas und einem weiteren in den nahe liegenden Madidi Nationalpark.

Open-Air Dusche nahe Rurrenabaque

Erreicht werden kann Rurrenabaque entweder mit kleinen Propellermaschinen zweier lokaler Airlines von La Paz aus oder aber auf einer katastrophal schlecht ausgebauten Straße mit einer 24-Stunden Busfahrt die definitiv nur etwas für Hartgesottene ist. Vor Ort werben dann eine Vielzahl von Agenturen um die wenigen Touristen und unterbieten sich teilweise aufs extremste was die Preise angeht. Bereits für 60 $ bekommt man eine Drei-Tages-Tour inklusive Übernachtung, Verpflegung, Transport und Guide. Doch man sollte unbedingt davon absehen solche Angebote zu buchen, da für diesen Preis weder das Personal fair bezahlt werden kann, noch die Touren und Unterkünfte ökologisch nachhaltig betrieben werden können. Möglich sind solche Preise da die Pampas leider immer noch kein Nationalpark sind, viele Grundstücke privat sind, es somit keine Standards einzuhalten gibt und niemand kontrolliert was mit Abwasser oder Müll geschieht.

Airfield Rurrenabaque

Es gibt allerdings auch Anbieter im mittleren oder leicht gehobenen Sektor, wie z.B. Dolphinstravel oder Mashaquipe, die für europäische Verhältnisse immer noch sehr günstig sind und versuchen möglichst ökologisch zu agieren, die Tiere nicht zu sehr zu stören und auf die Umwelt zu achten. Es lohnt sich hier definitiv ein paar Dollar mehr auszugeben um eine bessere Qualität zu bekommen und um zum Schutz dieser außergewöhnlichen Region beizutragen.

Rurrenabaque

Safari auf dem Rio Yacuma

Nach einer heißen, engen, staubigen und langen Anfahrt über die Buckelpisten von Rurrenabaque nach Santa Rosa konnten wir dort endlich eines der schmalen Boote besteigen. Auf dem Rio Yacuma machten wir uns zusammen mit unserem Gepäck und der Verpflegung für drei Tage auf dem Weg zur Unterkunft.

Schon nach der ersten Flussbiegung zeigte unser Guide auf die einige Wasserschildkröten, die sich auf den vielen aus dem Wasser stehenden Ästen sonnten und uns neugierig beäugten, bevor sie in der braunen Brühe des Flusses verschwanden wenn wir ihnen zu nahe kamen. Die ersten 10 bis 15 Male wurde noch auf die Schildkröten gedeutet und fotografiert, doch irgendwann gehörten sie einfach dazu, da wirklich Unmengen der posierlichen Tierchen dort leben.

Süßwasserschildkröte

Nicht satt sehen konnte ich mich an den großen (max. 3 Meter Länge) und kleinen Kaimanen die sich tagsüber in kleinen Buchten von der Sonne aufwärmen ließen oder sich im flachen Wasser und Gestrüpp verbargen. Noch mehr Kaimane als tagsüber bekommt man allerdings nachts zu sehen, wenn die Tiere auf die Jagd gehen und sich ihre Augen im Licht der Taschenlampen reflektieren.

Im Auge des Kaimans

Da die Echsen oft nicht wirklich scheu sind und selbst bei unserer Unterkunft ein Kaiman wohnte, konnte man an die gefährlich aussehenden aber eigentlich recht harmlosen Verwandten der Krokodile sehr sehr nahe ran und echt schöne Fotos machen.

Kaiman beim Sonnen

Wesentlich scheuer sind hier schon die Bewohner der Bäume. Verschiedene Affenarten und Faultiere haben entlang des Flusses ihr zu Hause und man hört ihre Schreie regelmäßig durch die Allmacht der Dschungelgeräusche. Die lautesten machten sich immer als erstes aus dem Staub, so dass es sehr schwierig war nahe an die Brüllaffen heranzukommen. Ganz anders bei den süßen Totenkopfäffchen, die voller Neugier sogar kurzzeitig aufs Boot sprangen um zu sehen ob sie dort etwas essbares finden könnten.

Totenkopfäffchen

Vögel, Vögel, noch mal Vögel. Angefangen von allerlei Reihern, über die von den Bolivianern als Stinkvögel bezweichneten bunten Hühner bis hin zu Papageien und Adlern ist in den Pampas nahezu alles anzutreffen was fliegen kann und sich gerne in tropischem Klima aufhält. Für Vogelliebhaber also ein absolutes Paradies.

Reiher wartet auf Beute

Da ich eigentlich mehr an flossen- als an flügeltragenden Tieren interessiert bin freute ich mich besonders über die erste Begegnung mit den hier heimischen rosa Flussdelphinen und die Gelegenheit den Tieren am letzten Tag im Wasser begegnen zu dürfen. Denn obwohl man sie auf dem Fluss sehr häufig sieht, sind sie doch meist nach einem Atemzug wieder verschwunden.

Rosa Flussdelphine

Sonnenuntergänge in den Pampas

Viel zu selten nutzen wir zu Hause die Möglichkeit uns den Sonnenuntergang anzusehen, so übel sind die Sonnenuntergänge in Deutschland nämlich auch nicht. Auf Reisen allerdings ist der Reiz irgendwie einfach noch etwas größer, gerade wenn man sich in schöner Landschaft oder am Meer befindet und nicht abgelenkt wird durch Fernsehen oder Internet. Da es in unserer Unterkunft in den Pampas keinen Strom und damit auch weder Fernsehen noch Wifi gab, hatten wir also nichts besseres zu tun als uns die Sonnenuntergänge anzusehen. Hier ein kleines Video von meinem Favoriten:

Auf Anakonda-Suche im Sumpf

Fast alle Agenturen bieten auch die Suche  nach der wohl bekanntesten Schlangenart Südamerikas, der Anakonda, in den Sümpfen des Rio Yacuma, an. Auch hierfür lohnt es sich einen besseren Veranstalter zu wählen um mit Gummistiefeln ohne bzw. mit nur wenigen Löchern ausgerüstet zu werden. Ich machte mir nicht allzu große Hoffnung, das berühmte Tier wirklich zu sehen, den entgegen der durch den Film Anaconda geprägten Meinung sind die Tiere weder riesengroß noch agressiv. Mit allerdings maximal 9 Metern Länge und einem Gewicht bis 200 kg sind sie sehr wohl eine der größten Schlangenarten der Erde.

Junger Nachbar der Anakonda

Wie erwartet gestaltete sich die Suche schwierig. Steht das Wasser im Sumpf zu hoch, ist es nahezu unmöglich die Tiere aufzuspüren. Ist es aber zu trocken, verziehen sie sich ganz. Scheinbar waren wir zu einer ganz guten Zeit vor Ort, denn unser Guide, dem ich mit wachsamem Blick durchs hohe Gras hinterherstapfte meinte immer wieder “I can smell the Anaconda, it is somewhere here!” Und tatsächlich scheint er eine verdammt gute Nase zu haben, denn er hat tatsächlich eine gefunden. Mit einer Länge von ungefähr 3 Metern zwar ein ziemlich junges Tier, aber immerhin. Das Gras wurde beiseite geschoben und wir versuchten ein paar Fotos zu ergattern, bevor die Schlange gemächlich im nächsten Wasserloch verschwand.

Anakonda

Was mich besonders freute, war die Tatsache, dass unser Guide sehr behutsam war, darauf bedacht die Schlange möglichst wenig zu stören und nicht auf die Wünsche einiger Idioten eingegangen ist, die wollten dass man die Schlange aus ihrem Versteck zerrt und hochhält um Selfies zu machen.

Piranhas oder wer frisst wen?

Wer hat schon mal Piranha gegessen? Die meisten haben wohl mehr Angst davor von den Fischen selbst aufgefressen zu werden. Doch wie auch bei den Anakondas, sind Piranhas weit weniger agressiv als angenommen und keiner von uns wurde beim Schwimmen im Fluss von den Fischchen mit den spitzen Zähnchen angenagt. In einem Seitenarm des Flusses versuchten wir einige größere Exemplare zum Abendessen zu fischen, was leider mit nur mäßigem Erfolg gekrönt war. Mit Fischstückchen lockten wir die Piranhas an unsere Haken und ein paar bissen auch tatsächlich an. Allerdings gibt es in den Pampas drei Piranhaarten und zwei davon sind einfach zu klein um sie als Speisefisch zu fangen, so dass wir diese wieder zurück warfen. Letztendlich war es unser Guide, der für einige ordentliche Exemplare zum Abendessen sorgte und zubereitet mit Knoblauch und Limone sind die Kerlchen tatsächlich ganz schmackhaft.

Piranha gefangen

Auf Tuchfühlung mit den Flussdelphinen

Das Highlight des Trips war für mich ohne Frage der letzte Morgen. Bereits kurz nach Sonnenaufgang machten wir uns auf den Weg in eine große Bucht des Flusses, die eines der Wohnzimmer der hiesigen Flussdelphinpopulation sein sollte. Schon an den vorhergegangenen Tagen sahen wir die Tiere immer wieder vom Boot oder auch von der Unterkunft aus, wenn sie zum Luftholen nach oben kamen. Doch nun würden wir zu ihnen (und zu Kaimanen und Piranhas natürlich) in’s Wasser steigen.

Allgegenwärtig: Kaimane

Generell gibt es in Südamerika drei Arten von Flussdelphinen, wobei in den Flüssen Boliviens nur eine Art zu finden ist. Mit einer Länge von ca. zwei Metern gehört diese eher zu den kleineren Vertretern. Generell sind die Tiere grau mit einer leichten rosa Färbung, vor allem am Bauch. Sie haben eine längliche Nase und sind nahezu blind, was aber in der braunen Brühe mit schätzungsweise 50 cm Sichtweite kein wirkliches Problem ist. Uns wurden gleich die Illusionen genommen dass die Tiere nahe genug heran kommen um sie zu berühren, das tun sie nämlich normalerweise nicht. Doch was ist schon normal?

Beherzt sprang ich als erster in die braune Suppe und etwas mulmig war mir schon zumute, da man die Delphine (und natürlich auch alle anderen Tiere)  im Fluss eigentlich erst sehen kann, wenn sie an die Oberfläche kommen. So erschrak ich ordentlich, als auf einmal direkt neben mir mit der Schwanzflosse geklatscht wurde. Ob ich damit verjagt oder willkommen geheißen werden sollte, ist fraglich. Immer wieder tauchten die Tiere unerwartet vor, hinter, neben oder unter mir auf, stießen Luft aus oder berührten sogar meine Füsse. Etwas beängstigend aber auch extrem spannend.

Das ist leider meist alles was man von ihnen sieht…

Irgendwie schienen sich die Delphine für mich besonders zu interessieren und so hatte ich als einziger das unglaubliche Glück, dass eines der Tiere intensiv meine Nähe suchte. Langsam tauchte der Delphin direkt neben mir auf, ich legte ihm sachte meine Hand auf die Seite und so schwammen wir nebeneinander für eine ganze Weile. Immer wieder tauchte er auf um Luft zu holen und nur so weit wieder ab um den Körperkontakt nicht zu verlieren, bis er schließlich irgendwann von dannen zog.

Schnell sprach sich die Begegnung bei den anderen Bootsgruppen herum und ich wurde gefragt, wie ich den Delphin fangen und festhalten konnte, was ich natürlich beides eben nicht getan habe. Und selbst am nächsten Tag wurde ich in Rurrenabaque angesprochen, ob ich nicht der Delphin-Typ bin. Scheint also wirklich nicht alltäglich zu sein und ich kann mich wirklich glücklich schätzen.

Schutz für die Pampas

Mal abgesehen vom brasilianischen Pantanal gibt es sicherlich in ganz Südamerika kaum Gegenden, die vergleichbare Tierbegegnungen ermöglichen wie die bolivianischen Pampas. Umso unverständlicher ist es, dass dieses Gebiet bis heute nicht unter Naturschutz gestellt wurde. Neben dem Altiplano und dem Salar de Uyuni sind die Pampas und natürlich auch der angrenzende Madidi-Nationalpark, über den ich im nächsten Artikel berichten werden, die unbestreitbaren Naturschätze des Landes und auch eine wichtige Einnahmequelle durch den dort stattfindenden Tourismus. Viele der guten Agenturen vor Ort kämpfen für den Schutz der Region und brauchen jede Unterstützung die sie kriegen können.

Deshalb: Wenn ihr in Boliven seid, besucht die Pampas, besucht Madidi, wählt eine verantwortungsbewusste Agentur, tragt damit euren Teil dazu bei diese außergewöhnlichen Naturschätze zu erhalten und grüßt mir die Flussdelphine…


 

 

 

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